Historiker mit Blick fürs Moderne

Das gängige Vorurteil, Historiker seien von Berufs wegen rückwärts gerichtet, trifft auf den Neu St. Johanner Bruno Wickli nicht zu. Er ist weltoffen, lebte in London und New York und arbeitet heute in Winterthur in einem technologisch dynamischen Umfeld.

Adi Lippuner
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NEU ST. JOHANN. Das Zitat von Carl Sagan, amerikanischer Astronom und Autor (1934–1996), «Man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen», scheint dem 40jährigen Historiker mit Doktortitel Bruno Wickli auf den Leib geschrieben. Er hat sich während seiner Ausbildung an der Universität in Zürich und auch bei seiner Dissertation intensiv mit der Vergangenheit auseinander gesetzt. Heute befasst er sich bei seiner beruflichen Tätigkeit bei einer Versicherungsgesellschaft um den Zugang zu elektronischen Informationen.

Ein Widerspruch? «Nein, denn es geht nicht nur um den technischen Teil, sondern auch um den Entscheid, welche Dokumente aufbewahrt und wo diese zugeordnet werden», erklärt Bruno Wickli. Dazu gehöre, sich mit den Zusammenhängen zu befassen und da sei er mit seiner Ausbildung am richtigen Platz.

Bauernsohn, Weltenbummler

Aufgewachsen ist Bruno Wickli auf einem Bauernbetrieb, zusammen mit drei jüngeren Schwestern. «Es war ein Pachtbetrieb und so stand ich nie unter Druck, selbst Landwirt werden zu müssen.» Allerdings schätze er auch heute noch die Verbundenheit zur Scholle und bei besonderen Gelegenheiten wie dem Öberefahre ziehe er auch gerne seine Tracht an.

Es ist das Bodenständige, gepaart mit dem Weitblick eines viel Gereisten, welches die Faszination seiner Persönlichkeit ausmacht. Locker erzählt der Historiker von seinen Erlebnissen in London und New York, schildert die Arbeitswelt und die Gewohnheiten der Menschen und freut sich rückblickend über die vielen interessanten Begegnungen. «In London hatte ich eine Wohnung mit Blick auf die Themse. Das Beobachten des Schiffsverkehrs hat mich irgendwie an daheim erinnert, denn wir wohnten direkt an der Hauptstrasse.» Obwohl er in der berühmten «Gurke» im 15. Stock arbeitete – dieses Hochhaus ist auf vielen Aufnahmen des Londoner Finanzzentrums zu sehen – fühlte sich Bruno Wickli nie zur «Schickimicki»-Gesellschaft zugehörig. «Glücklicherweise hatte ich beruflich mit <normalen> Menschen zu tun und lernte auch ihre Freuden und Sorgen kennen.» So gesehen, sei die Zeit von 2006 bis 2008 bereichernd gewesen. Er bedauert im Rückblick einzig, dass er sich im Anschluss an die berufliche Tätigkeit wenig Zeit nahm, um das Land zu erkunden.

Erst Arbeit, dann Vergnügen

Was er in London verpasst hat, kam in den USA auf die Agenda. Von Herbst 2009 bis Herbst 2011 lebte und arbeitete er als Angestellter einer namhaften Versicherungsgesellschaft rund eine Fahrstunde ausserhalb des New Yorker Stadtzentrums. «Dies hatte den Vorteil, dass ich mir auch eine gute Wohnlage in naturnaher Umgebung leisten konnte.» Auf die Frage, ob eine Wohnung in der City von New York überhaupt bezahlbar sei, kommt die Antwort: «Für eine Singlewohnung mit etwas Komfort und Platz muss monatlich ab 3000 US-Dollar bezahlt werden.» Für Amerikaner sei deshalb das Wohnen ausserhalb der Zentren auch eine finanzielle Angelegenheit. «Die Menschen haben einen ganz anderen Bezug zur Mobilität als wir Schweizer. Zwei Stunden für den Arbeitsweg sind absolut kein Problem und eine Stunde Fahrt zum nächsten Supermarkt ist je nach Bundesstaat auch Alltag.»

Damit ist das Gespräch bereits bei unzähligen Erlebnissen, welche Bruno Wickli als Erinnerung an seine halbjährige Reise durch die Südstaaten mitgebracht hat. «Unvorstellbare Weiten, einsame Siedlungen und oft stundenlang einfach fahren gehören dazu. Auch die vielen Spuren, welche spanische und französische Pioniere hinterlassen haben.» Als Historiker habe er sich auch gerne mit der Geschichte, unter anderem der Sklaven, befasst. «Dabei wurde deutlich, dass diese praktisches Wissen eingebracht und ihren Besitzern weiter gegeben haben.» Eines bleibe ihm unvergessen: «Einmal reiste ich von den Staaten zurück in die Schweiz, ich hatte einen Arzttermin in Wil. Erst da fiel mir die schmucke Altstadt richtig auf. Vorher hatte ich Wil nur als einen Ort fürs Einkaufen wahrgenommen.»

Musik, Berge und Geschichte

Seit seiner Rückkehr in die Heimat pendelt Bruno Wickli aus beruflichen Gründen täglich von Neu St. Johann nach Winterthur. «Es wäre durchaus möglich, eine Wohnung in der Nähe des Arbeitsplatzes zu mieten, aber irgendwie möchte ich meiner Heimatgemeinde und dem Kanton St. Gallen durch die Wohnsitznahme auch etwas zurückgeben. Ich durfte eine gute Ausbildung mit Matura an der Kantonsschule in Wattwil geniessen und das hat mir den beruflichen Weg geebnet.»

Zudem ist der Neu St. Johanner der Musikgesellschaft immer treu geblieben. Der Probeabend sei sozusagen heilig. «Sogar als ich in Zürich wohnte, bin ich jeweils zu den Proben und Auftritten nach Nesslau gefahren.» Die Freude am Zusammenspiel, die Kameradschaft und ganz einfach das Musizieren mit seiner Posaune sind ihm wichtig.

Spass macht auch der Weg auf einen Berg, der den Aufstieg mit Weitblick und guten Fotosujets belohnt. «Berge geben mir Geborgenheit und ein Gefühl für Raum.» Zudem sei es interessant, die Zusammenhänge zu kennen, beispielsweise zu wissen, wem eine Alp gehöre, wer in einem bestimmten Haus wohne oder wo es Besitzerwechsel gegeben habe. Und da ist Bruno Wickli wieder in seinem Element: «Gegenwärtig arbeite ich an der «Wickli»-Familienchronik und auch weitere Ideen, wie historische Zusammenhänge des Toggenburgs aufgearbeitet werden könnten, sind vorhanden.»