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Hirsche fressen den Kühen das Gras weg

Im Jagdbanngebiet Säntis leben sowohl Wild- als Nutztiere. Die stösst diversen Bauern sauer auf: Wegen Hirschen und Gämsen könnten sie weniger Kühe auf der Alp halten.
Margrith Widmer
Das Rotwild im Jagdbanngebiet Säntis ist diversen Bauern ein Dorn im Auge. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Das Rotwild im Jagdbanngebiet Säntis ist diversen Bauern ein Dorn im Auge. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Das Jagdbanngebiet Säntis ist eines der 42 eidgenössischen Jagdbanngebiete. Hier leben Steinbock, Rothirsch, Gämse, Schneehase, Auerhuhn, Birkhuhn und Alpenschneehuhn – Tierarten, die im 19. Jahrhundert nahezu ausgerottet waren. Im gleichen Gebiet befinden sich auch Alpen – und da kommt es zur Konkurrenz zwischen Kühen und Hirschen und Gämsen.

Im Jagdbanngebiet Säntis weiden 1943,5 Stösse. Sie könnten fünf beziehungsweise vier Kühe mehr auf ihren Alpen halten, wenn die Hirsche ihnen nicht das Gras «wegfressen» würden, sagen Bauern. Manche Sennen würden die Hirsche sogar vertreiben, wenn sie abends austräten, um zu äsen, erzählen Augenzeugen. Kein Wunder, wenn die Hirsche Bäume schälen und Waldschaden anrichten. Gämsen werden von Bauern als «der schwarze Satan» beschimpft.

Der Ausserrhoder Jagdverwalter und Oberförster Heinz Nigg sagt, falls Hirsche den Kühen das Gras «wegfrässen»: «Das wäre Wildschaden und die Bauern erhielten eine Vergütung.» Bisher seien jedoch keine solchen Begehren eingegangen. Zwar sei Gras im Sommer die Hauptnahrung der Hirsche; im Gegensatz zu Innerrhoden gebe es in Ausserrhoden nicht wirklich viele Probleme mit Waldschäden durch Hirsche. Die Ausserrhoder Alpen seien nicht überstossen; es würden lediglich die Rechte ausgenutzt.

Lebensraum verbessern

Innerrhoden habe ein wegweisendes, vorbildliches Konzept «Wald und Hirsch», so Nigg. Die vor allem durch Rotwild verursachten Schäden im Jagdbanngebiet Säntis sollen minimiert, die Hirschpopulation reduziert und der Wald verjüngt werden, sodass das Nahrungsangebot und die Lebensraumqualität verbessert werden. Die Landwirtschaft muss dem Rotwild den Aufenthalt ausserhalb des Waldes ermöglichen. Die Hirsche sollen nicht durch zu hohen Freizeitdruck in wenige, kleine, ruhige Waldgebiete zurückgedrängt werden, wo sie dann mehr Schäden anrichten. «Die Hirsche dürfen dort sein», sagt dazu der Innerrhoder Jagdverwalter Ueli Nef. Eine Koexistenz von Alpnutzung und Rotwild sei möglich. «Die Innerrhoder Jagdaufsicht und die Jäger bemühen sich nun im zweiten Jahr, die Hirschpopulation, auch im Jagdbanngebiet, zu reduzieren», so Nef.

«Die Alpen im Jagdbanngebiet Säntis werden extrem intensiv bestossen», sagt Christian Meienberger, der Geschäftsführer von Pro Natura St. Gallen-Appenzell. In einer Stellungnahme von 2017 zum Konzept und Massnahmenplan Wald und Hirsch schrieb Pro Natura: «Hier wird die Nutzungssituation so dargestellt, als ob die Nutzungsintensität der Alpen eher tief sei.» Die Organisation zitiert aus dem Konzept: «... im Durchschnitt werden die Alpen zu 90 Prozent bestossen. Die Abweichung der effektiven Bestossungszahl zu den definierten Normalstössen darf zwischen 75 und 110 Prozent betragen. Lediglich zwei Betriebe überschreiten diese Bandbreite und sechs liegen unterhalb davon.» Hier bestehe wohl die grösste Fehleinschätzung, so Pro Natura.

Zur genauen Berechnung fehlen Zahlen

Zur Illustration vergleicht Pro Natura den Durchschnitt der Weide-Intensität der Gesamtschweiz mit dem des Jagdbanngebiets-Perimeters. Gemäss Bericht beträgt im Projektperimeter die Fläche der Alpweiden im Sömmerungsgebiet 551 Hektaren und die effektive Bestossung im Jahr 2015 1406 Grossvieheinheiten. Die übliche Angabe (Normalstösse, NST) werde nicht angegeben. «Zur Berechnung der Anzahl Normalstösse müsste die Dauer der Alpbestossung bekannt sein. Normalerweise beträgt diese rund 100 Tage, in tieferen Lagen eher länger. Der Einfachheit halber kann daher die Anzahl der Grossvieheinheiten der Anzahl Normalstösse gleichgesetzt werden. Die Intensität der Nutzung entspricht der Anzahl Normalstösse pro Hektare Weidefläche.» Für den Projektperimeter ergebe sich eine Intensität von 2,55 Normalstössen pro Hektare, so Pro Natura.

In der ganzen Schweiz werden rund 300000 Normalstösse auf rund 500000 Hektaren Alpweide gesömmert; dies ergibt eine Intensität von 0,6 Normalstössen pro Hektare. Das Fazit Meienbergers: «Die Intensität der Beweidung ist im Projektperimeter extrem hoch, auch wenn berücksichtigt wird, dass die sehr hohen Weidegebiete in den Alpen bedeutend weniger produktiv sind, als diejenigen im Alpsteingebiet.»

«Dass diese Einschätzung stimmt, kennen wir aus eigner Erfahrung. Wir besitzen in der Gemeinde Mosnang eine Alp auf einer Höhenlage von 900 bis 1000 Metern über Meer. Die bedeutenden Trockenwiesen-Weiden beweiden wir auf diesen für Alpverhältnisse sehr produktiven Flächen mit 0,7 bis maximal einem Normalstoss pro Hektare. Gemäss unseren Beobachtungen führt eine höhere Beweidungs-Intensität zu Verlust der Artenvielfalt, eine geringere zu Brachezeigern. Das Fazit, dass der Frassverlust auf den Wiesen und Weiden durch den Rothirsch lokal bedeutend sei, kann so nicht akzeptiert werden», so Meienberger.

Innerrhoden hat Vorgaben nicht umgesetzt

Zumindest für das Jagdbanngebiet müsse gefordert werden, dass die Intensität der Beweidung massiv heruntergefahren wird, um eine konfliktfreie Koexistenz zwischen Wild und Nutztieren zu ermöglichen, verlangt Pro Natura. Gemäss der Verordnung über die eidgenössischen Jagdbanngebiete ist in diesen der Erhaltung von Biotopen im Sinne von Artikel 18 Absatz 1bis des Bundesgesetzes über den Natur- und Heimatschutz (NHG), insbesondere als Lebensräume der einheimischen und ziehenden wildlebenden Säugetiere und Vögel, besondere Beachtung zu schenken.

Die Kantone müssen dafür sorgen, dass solche Lebensräume land- und forstwirtschaftlich angepasst genutzt werden und ein ausreichendes Äsungsangebot aufweisen. «Aufgrund der Berechnung der Weideintensität wird offensichtlich, dass der Kanton Appenzell Innerrhoden diese Bestimmung der Bundesgesetzgebung nicht umgesetzt hat. Wir mussten bereits mehrmals beanstanden, dass national bedeutende Moore intensiv beweidet wurden», so Meienberger

Wirksamste Massnahme

«Wir beobachten enorme Trittschäden im Jagdbanngebiet, obwohl gemäss Bundesgesetzgebung Hochmoore nicht und Flachmoore nur im Sömmerungsgebiet beweidet werden dürfen. Dabei dürfen keine Trittschäden auftreten. Die Reduktion der Beweidungsintensität und damit die Schaffung eines ausreichenden Äsungsangebotes ist ein gesetzlicher Auftrag des Bundes an die Kantone. Im Jagdbanngebiet wäre dies wohl eine der wirksamsten Massnahmen, um die Wald–Hirschproblematik zu entschärfen. Wir haben gefordert, dass Innerrhoden auf das nächste Jahr aktiv werden muss. Wenn der Kanton dies nochmals versäumt, werden wir gegen die Hirschabschüsse im Jagdbanngebiet Beschwerde erheben», kündigt Meienberger an.

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