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Himmel und Hölle im Dunkeln

Speerspitz
Liska Meier

Ein kleines, leuchtendes Rechteck schwingt rechts von mir auf dem Trottoir auf und ab. Ich sehe gar nicht genau, was das ist. Die Bremslichter der vor mir stehender Autokolonne blenden mich, die nasse Strasse glänzt im Dunkeln und die Regentropfen auf der Frontscheibe meines Autos verzerren das Bild. Dann sehe ich klarer. Ein Schulkind hüpft den Gehsteig entlang. Sein Leuchtbändel und sein Thek pendeln im Rhythmus seiner Bewegungen hin und her. Der Bub hält etwas in seinen behandschuhten Händen, wirft ein Stückchen davon vor sich her und springt dem Ding nach. Es sind wohl Kieselsteine und er spielt im Dunkeln Himmel und Hölle.

Plötzlich kommt es mir vor, als werde es Frühling. Als würde die Sonne scheinen, und als liege der Tag voller Verheissungen vor mir. Doch das Kind hat eine Mütze auf, einen Schal um den Hals geschlungen, Winterstiefel an den Füssen und sowieso haben noch nicht mal die Winterferien begonnen. Selbstvergessen hüpft der Bub weiter, der Schule entgegen. Er verschwindet hinter einer Ecke und die Autos drängen weiter. Von irgendwoher hupt es laut.

Ich fahre langsam los und gerate ins Sinnieren. Wo ist meine eigene Selbstvergessenheit und Vorfreude auf den Tag bloss hin? Wann habe ich es zugelassen, dass ich die Fähigkeit, den Augenblick zu leben, im Alltag verloren habe? Vergraben habe ich sie unter den täglichen Verpflichtungen wie Essen kochen, Wohnung schrubben, Wäsche waschen, Geld verdienen. Im Rückspiegel schaue ich nochmals kurz die Hausecke an, hinter der der Bub verschwunden ist. Später parkiere ich vor dem Büro. Aber ich gehe noch nicht hinein. Sondern nehme den Weg zur Thur und krame eine handvoll Kies in die Hand. Werfe, hüpfe den Steinen hinterher und hoffe, dass mich niemand erkennt.

Liska Meier

liska.meier@toggenburgmedien.ch

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