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Hilfsprojekt: Appenzeller bauen Brunnen für Rumänien

Seit 2013 reist eine Gruppe junger Handwerker aus Appenzell ins rumänische Bergdorf Sinteu. Ihr Ziel: Eine Trinkwasserversorgung aufzubauen. Um das Projekt abzuschliessen, ist der Verein weiterhin auf Helfer und Spenden angewiesen.
Claudio Weder
Eine Gruppe junger Appenzeller beim Bau eines Wasserreservoirs im rumänischen Bergdorf Sinteu. (Bilder: PD)

Eine Gruppe junger Appenzeller beim Bau eines Wasserreservoirs im rumänischen Bergdorf Sinteu. (Bilder: PD)

«So zu leben, wäre für uns kaum vorstellbar», so beschreibt Raphael Fässler, Präsident des Vereins «Appenzell hilft Sinteu», seinen Eindruck vom rumänischen Bergdorf bei seinem ersten Einsatz im Jahr 2013. Rund 1200 Menschen leben in Sinteu, die meisten in einfachsten Verhältnissen. Die ländliche Gegend am westlichen Ausläufer der Karpaten ist von Armut geprägt, eine ausreichende Trinkwasserversorgung war bis anhin nicht vorhanden. Vereinzelt haben die Einheimischen eigene Quellen, doch sind diese weder zuverlässig, noch entsprechen sie den Anforderungen von Trinkwasserqualität. Einige Quellen sind aufgrund unzureichender Wartung sogar versiegt. Und so kam es, dass der Obstbrand, den die Leute in dieser Region herstellen, immer mehr zum Trinkwasserersatz wurde.

Eine After-School vor dem Aus gerettet

Heute ist die Situation wesentlich besser: Das Dorf verfügt über ein acht Kilometer langes Wasserleitungsnetz, sechs Quellen, drei Brunnenstuben, drei Hydranten, ein Trinkwasserreservoir mit 120 Kubikmetern Fassungsvermögen sowie ein 10000 Liter fassendes Ausgleichsbecken. Ein zweites Trinkwasserreservoir ist derzeit in Bau.

Zu verdanken sind diese Bauten einer Gruppe junger Handwerker aus Appenzell, die seit 2013 ein- bis zwei Mal pro Jahr nach Sinteu reisen, um die dortige Trinkwasserversorgung aufzubauen. Mit Erfolg: 15 Häuser, davon acht Landwirtschaftsbetriebe, können heute Wasser direkt aus einem der Reservoirs beziehen. Rund 25 Häuser beziehen Wasser aus einer neuen Brunnenstube. Laufend werden neue Hausanschlüsse erstellt.

Doch nicht nur den Bauernbetrieben, die für ihr Überleben auf fliessendes Wasser angewiesen sind, konnten die freiwilligen Helfer mit dem Aufbau einer Wasserversorgung zu neuem Aufschwung verhelfen. Auch die dorfeigene After-School, welche die Kinder nach dem regulären Unterricht besuchen, konnte durch den Einsatz der Appenzeller vor dem Aus gerettet werden. «Die Schule verfügte zwar über einen Wasseranschluss, allerdings war die Leitung so durchlöchert, dass es zu einem grossen Wasserverlust kam und der Wasserdruck dadurch zu niedrig wurde», erzählt Fässler. Weil der rumänische Staat vorschreibt, dass jede Schule einen Zugang zu fliessendem Wasser haben muss, hätte die After-School geschlossen werden müssen. «Wir mussten schnell reagieren.»

Wer mitmachen will, muss anpacken können

Alles begann, als im Jahr 2013 die Pfarrei Appenzell freiwillige Helfer für einen Einsatz in Rumänien suchte. 17 Jugendliche fuhren damals mit. Nicht zum letzten Mal: Nach dem ersten Einsatz kristallisierte sich eine Kerngruppe heraus, welche mit viel Herzblut das Projekt weiterverfolgte. Aus dieser Kerngruppe entstand im Jahr 2017 schliesslich der Verein «Appenzell hilft Sinteu», der heute 13 Mitglieder zählt und zum grössten Teil aus jungen Handwerkern besteht – vom Schreiner, Maurer, Netzelektriker, über den Landwirt bis hin zum Stromer.

Ein weiteres Mitglied ist der Ingenieur Hans Burch, der seit 1990 in der Umgebung von Sinteu wirksam ist und in den Nachbardörfern schon das eine oder andere Hilfsprojekt auf die Beine gestellt hat. Er reist fünf bis sechs Mal pro Jahr nach Rumänien, um den Baufortschritt zu kontrollieren. Der Verein «Appenzell hilft Sinteu» heisst aber auch Mitglieder willkommen, die nichts mit Handwerklichem am Hut haben, sagt Raphael Fässler, der den Verein seit seiner Gründung präsidiert. Denn: «Anpacken kann jeder.»

Der Vorstand des Vereins «Appenzell hilft Sinteu»: Florian Isenring, Julia Gmünder, Raphael Fässler, Corinne Rechsteiner, Severin Räss, Hansueli Gmünder und Hans Burch.

Der Vorstand des Vereins «Appenzell hilft Sinteu»: Florian Isenring, Julia Gmünder, Raphael Fässler, Corinne Rechsteiner, Severin Räss, Hansueli Gmünder und Hans Burch.

Erst skeptisch, dann dankbar

Als Vereinspräsident hat Fässler viel zu tun: «Die mehrtägigen Einsätze erfordern eine Menge Vorbereitung.» Auch die Arbeiten vor Ort würden einiges abverlangen. Ab 7.30 Uhr wird unabhängig der Witterung gearbeitet. Trotz Knochenarbeit komme der Spass aber nie zu kurz. «Ein solcher Einsatz ist etwas anderes, als im Betrieb zu arbeiten», sagt der 24-jährige Netzelektriker. Einziger Nachteil: «Die Einheimischen sind nicht so gut organisiert wie wir in der Schweiz. Daher ist die Chance immer gross, dass irgendetwas schief läuft.»

Die Dankbarkeit der einheimischen Bevölkerung sei hingegen allseits spürbar. Das war jedoch nicht von Beginn weg so: «Bei unseren ersten Einsätzen wurden wir jeweils komisch angeschaut», sagt der 24-jährige Vereinspräsident. Nach der Einweihung des ersten Wasserreservoirs habe die Bevölkerung aber immer mehr gespürt, aus welchem Grund die Appenzeller bei ihnen sind. «Unsere Einsätze wurden zunehmend geschätzt, die Einheimischen besuchten uns während der Arbeiten und brachten uns Verpflegung.»

Weitere Reservoirs sind geplant

Inzwischen hat sich in Sinteu einiges getan: Eine Wasserkorporation hat sich gebildet, geleitet wird sie vom einheimischen Dorfpfarrer und ehemaligen Gemeindepräsident Albert Augustin. Ebenso können ein ortsansässiger Maurer, ein Tiefbaugeschäft sowie ein Sanitär zu einem fairen Lohn beschäftigt werden. Damit können die Arbeiten das ganze Jahr durch weiterlaufen. «Uns braucht es nur für grössere und kompliziertere Arbeiten, wie etwa die Errichtung von Reservoirs», sagt Fässler.

Abgeschlossen ist das Hilfsprojekt in Sinteu aber noch nicht: In den nächsten zwei bis drei Jahren sollen noch mindestens eine weitere Quellfassung, eine Brunnenstube sowie weitere Reservoirs fertiggestellt beziehungsweise errichtet werden. Auch soll das Wasserleitungsnetz weiter ausgebaut werden. Das längerfristige Ziel ist es, die Trinkwasserversorgung völlig in die Hände der neu gegründeten Wasserkorporation zu übergeben. Damit das Projekt in den kommenden Jahren abgeschlossen werden kann, ist der Verein aber weiterhin auf aktive Helfende und Spenden angewiesen. Allein die Arbeiten im vergangenen Jahr kosteten rund 80 000 Franken. Für dieses und nächstes Jahr sind Investitionen im Bereich von 60000 Franken vorgesehen.

Hinweis Am Sonntag, 3. Februar, um 14 Uhr findet in der Kunsthalle Ziegelhütte ein Informationsanlass mit Präsentation und anschliessendem Apéro statt. Weitere Infos zum Hilfsprojekt unter www.appenzellhilftsinteu.com.

Wo liegt Sinteu?

Sinteu liegt im Nordwesten Rumäniens in der Region Bihor, 50 Kilometer hinter der ungarischen Grenze. Die Streusiedlung, die zum grossen Teil aus kleinen Bauerhöfen besteht, liegt am westlichen Ausläufer der Karpaten auf rund 700 Metern über Meer. Rund 99 Prozent der 1289 Einwohner sind römisch-katholischen Glaubens. Genauso hoch ist der Anteil an Slowaken, weshalb Slowakisch in dieser Gegend auch die meistgesprochene Sprache ist. Sinteu liegt 600 Kilometer von Bukarest entfernt, die nächstgrössere Stadt, Oradea, ist in einer guten Stunde mit dem Auto zu erreichen. (wec)

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