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HILFSKONVOI: Teufner bieten Kurden Hilfe zur Selbsthilfe

Erneut sind diesen Monat Lastwagen von Teufen in den Irak gefahren. Sie haben zum zweiten Mal Hilfsgüter in die Region gebracht. Mitorganisator Stefan Staub ist von den Lebensumständen vor Ort erschüttert und denkt über das Ende des Projekts nach.
Simon Roth
Stefan Staub betet im Kreis von Unterstützern des Hilfsprojekts. (Bild: Stefan Kaiser)

Stefan Staub betet im Kreis von Unterstützern des Hilfsprojekts. (Bild: Stefan Kaiser)

Simon Roth

simon.roth@appenzellerzeitung.ch

Stefan Staub, Sie waren vor kurzem im Nordirak. Welchen Grund hatte Ihre Reise?

Zum zweiten Mal hat ein Hilfskonvoi der Katholischen Kirchgemeinde Teufen-Bühler-Stein Hilfsgüter nach Kurdistan gebracht. Dieses Mal waren es gut 100 Tonnen Material, doppelt so viel wie bei der vorherigen Reise. Meine Philosophie als Pfarreiseelsorger ist es, hin und wieder den Pfad des Kirchturmblicks zu verlassen. Die heutige Zeit erfordert es, nicht nur von Werten zu sprechen, sondern sie durch Handeln zu leben. «Tue Gutes», lautet eine christliche Tugend.

Weshalb engagieren Sie sich gerade im Nordirak?

Der Drang etwas zu bewegen, kam mit dem Referat von Fauzi Kaddur, diplomatischer Repräsentant der Autonomen Region Kurdistan in Nordirak (KRG) in der Schweiz. Er hat an einem Kanzelgespräch in Teufen über die Situation im Nordirak gesprochen. Das war zum Zeitpunkt, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Region ins Chaos stürzte. Da war für mich klar: Ich muss etwas tun. Also fragte ich einige Personen bezüglich Kleiderspenden an und wurde von den positiven Rückmeldungen überrumpelt.

Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, das hängt mit der wachsenden Ohnmacht zusammen, die viele Leute gegenüber der aktuellen Weltsituation empfinden. Die Solidarität ist deshalb so gross, weil viele gemerkt haben, dass sie etwas bewirken können; Leuten, die alles verloren haben, wieder Hoffnung geben. Das hat mich motiviert, das Projekt durchzuziehen. Nicht nur, um den Menschen auf der Flucht zu helfen, sondern auch jenen im Appenzellerland die Möglichkeit zu geben, Gutes zu tun. Unser Projekt ist im Vergleich zu anderen kleiner und unkomplizierter. So schöpfen die Spenderinnen und Spender Vertrauen, dass ihr Geld am richtigen Ort ankommt. Die Rechnung wird durch die Geschäftsprüfungskommission der Katholischen Kirchgemeinde Teufen-Bühler-Stein geprüft und der Verwendungszweck ausgewiesen. Das ist gut so.

Wie war die Situation in Kurdistan?

Der erste Eindruck war erschlagend. Nicht nur die Not der Menschen erschütterte mich, auch die politische Situation, die sich durch die Volksabstimmung über die Loslösung vom arabischen Teil des Iraks im vergangenen Herbst verschärft hat, ist absolut verworren. Die Leute fühlen sich von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen. Eine lähmende Lethargie durchzieht die Gesellschaft.

Fühlten Sie sich sicher?

Erst im Nachhinein realisiere ich, welches Risiko wir mit der Reise eingegangen sind. Alleine schon die Anreise gestaltete sich schwierig. Der einzige Weg ins autonome Gebiet der Kurden führte bis vergangene Woche über die Türkei. Die Grenzkontrollen bei der Ein- und Ausreise Türkei-Irak sind mit Schikanen verbunden. In Kurdistan selber fühlte ich mich sicher durch die Peschmerga, die Streitkräfte der Autonomen Region.

Sie sind zum dritten Mal in die Region gereist. Was hat sich verändert?

Nachdem der IS aus den grossen Städten vertrieben worden ist, leeren sich die Flüchtlingscamps allmählich. Die Leute kehren in ihre Heimat zurück und merken dann, dass ihre Häuser dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die Städte sind vermint, die ganze Infrastruktur zerstört. Solche Bilder kennt man sonst nur aus dem Geschichtsunterricht von Berlin 1945. Viele sind desillusioniert in die Flüchtlingscamps nach Kurdistan zurückgekehrt. Die Welt hat die Gräueltaten des IS bereits wieder vergessen. Und mit ihnen auch die Menschen, die unter dessen Terror gelitten haben.

Was löst das bei Ihnen aus?

Beschämung, Trauer, Wut. Es treibt einem die Tränen in die Augen. Man verstummt. In den zerstörten Städten sieht man verwahrloste Kinder, Massengräber, Zerstörung. Es braucht eine gewisse Zeit, bis man mit anderen über das Gesehene sprechen kann.

Haben Sie den Eindruck, etwas bewirken zu können?

Ich bin mir bewusst, dass unsere Hilfe ein homöopathischer Tropfen auf den heissen Stein ist. Den Menschen, denen wir Lebensmittel oder eine Kiste Kleider geben, bedeutet das aber viel. Wir können den Krieg nicht verhindern, die Konflikte nicht lösen. Wir können nur den einzelnen Menschen ein Stück weit ihre Würde zurückgeben. Mehr als die Güter schätzen die Geflüchteten ohnehin das Zeichen, dass Menschen von weit herkommen und ihnen mit Würde begegnen. Dass wir die beschwerliche Reise von der Schweiz zu ihnen in die isolierte Region Nordirak aufnehmen, gibt ihnen einen Teil ihrer Menschlichkeit zurück.

Welchen Stellenwert hat die Reise für Sie?

Es ist vor allem eine grosse Erleichterung nach der langen Vorbereitungszeit, wenn alles klappt. Wenn mich die Nachricht erreicht, dass die Lastwagen mit den Hilfsgütern heil angekommen sind, fällt mir zum ersten Mal ein Stein vom Herzen. Insgesamt haben wir Waren im Wert mehreren zehntausend Franken abgegeben. Das Sammeln und die Vorbereitung ist nur eine Seite der Medaille, verteilen die andere. Das muss gut organisiert sein, sonst greift das Chaos über.

Wie geht es nun weiter?

Für uns ist klar, dass wir die Überlebenshilfe, solange die Notsituation fortbesteht, weiterführen. Einzig Kleiderspenden stellen wir ein. Der logistische Aufwand ist zu gross. Zeitweise war die ganze Kirche in Teufen voller Kleiderschachteln. Das ist auf Dauer kein Zustand. Andererseits wollen wir nachhaltige Projekte vorantreiben.

Was heisst das konkret?

Wir wollen die Situation in den Langzeitcamps verbessern. Die Erneuerung eines Schulhauses ist ein Beispiel dafür. Wir wollen in die Zukunft investieren, den Kindern eine Perspektive geben. Damit sie einen Weg aus dem Krieg und der Misere finden. Andererseits ist die Wohnsituation in diesen Lagern völlig würdelos. Die Menschen wohnen seit ihrer Flucht vor fünf Jahren in Zelten, in die der Regen eindringt. Jetzt planen wir den Bau von schlichten Ein-Raum-Häusern aus Betonblöcken. Wir stellen das Baumaterial, die Flüchtlinge ihre Arbeitskraft. Wir rechnen mit Kosten von 2000-2500 Franken pro Einheit.

Planen Sie, das Projekt dauerhaft zu betreiben?

Das Ziel ist es natürlich, irgendwann einen Schlusspunkt zu setzen. Der Ursprungsgedanke war, die akute Notsituation zu lindern, in der Hoffnung, dass die Region zu seinem Frieden und zur Ruhe findet. Wir wollen verhindern, dass die Leute in Abhängigkeit von westlicher Hilfe geraten. Was wir bieten, ist Hilfe zur Selbsthilfe. Es gibt Sinn und Dankbarkeit, etwas zu bewirken, in erster Linie bin ich aber als Seelsorger im Appenzellerland in der Pflicht. Die Organisation stellte eine grosse Herausforderung dar. Wir mussten lernen, wie man einen internationalen Grosstransport organisiert, wie man mit Zollbehörden verhandelt. Dazu kommt, dass man tagtäglich die politische Situation vor Ort im Auge behalten muss. Ich stehe in Kontakt mit den Leuten, die mich über den Stand der Bauprojekte und Verteilaktionen informieren. Dass man irgendwann ein solches Projekt abschliessen kann, muss das Ziel einer jeder Hilfsorganisation sein. Bis dahin möchten wir tun, was wir können, solange die Solidarität aus der Pfarrei und darüber hinaus anhält.

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