Hier finden 24 Personen Arbeit

Es gibt Menschen, die schaffen es psychisch nicht, mehr als zwei halbe Tage pro Woche zu arbeiten – sie sind auf dem Arbeitsmarkt chancenlos. Das Arbeits- und Kreativatelier in Herisau hat auf ihre Bedürfnisse angepasste Arbeitsplätze geschaffen. Es integriert sie damit in die Gesellschaft.

Monika Egli
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Blick ins Atelier, wo viel Kreatives und Originelles entsteht…

Blick ins Atelier, wo viel Kreatives und Originelles entsteht…

HERISAU. Sechs Personen sind an diesem Morgen im Arbeits- und Kreativatelier am Werken; die Männer sind in der Überzahl. Einer lässt eine Nähmaschine rattern, ein anderer schöpft Papier. Dort bügelt eine Frau Bändel, eine zweite produziert Weihnachtskarten. Einen Stock tiefer entstehen ebenfalls Weihnachtsartikel: Sternensockel aus Wachs. Daneben schneidet ein Mann Stoffteile, aus denen Schürzen genäht werden. Unterstützt werden die Mitarbeitenden an diesem Morgen von Valeska Bänziger, Herisau, und dem Atelierchef Michael Higi, Grub. Ebenfalls zum Betreuungsteam gehört Erika Trescher aus Mogelsberg. Zusammen decken sie 110 Stellenprozente ab.

Für das Selbstwertgefühl

Das Arbeitsatelier bietet Beschäftigung im Rahmen von 500 Stellenprozenten, die ab 2016 auf 600 Prozente erhöht werden, wie Michael Higi erzählt. Momentan finden hier 24 Personen einen Arbeitsplatz. Sie alle sind IV-Bezüger und haben Klinikaufenthalte hinter sich. Sie sind nicht in der Lage, zum Beispiel in einer geschützten Werkstatt zu arbeiten, weil sie die Vorgabe nach einer Mindestanzahl von Arbeitsstunden nicht erfüllen können. «Wir bieten hier ein sehr niederschwelliges Angebot, es ist zum Beispiel auch nicht nötig, uns eine Bewerbung zu schreiben», sagt Michael Higi. Wenn jemand an einer Anstellung im Arbeitsatelier interessiert sei, komme er zum Schnuppern. Passe es für beide Seiten und sei gerade ein Platz frei, könne die Arbeit schon tags darauf aufgenommen werden. «Allerdings schliessen wir einen Arbeitsvertrag ab», betont Michael Higi. Bestandteil davon ist der Lohn, der sich nach dem IV-Stundenansatz bemisst. Man wird nur für die effektiv geleisteten Stunden bezahlt. «Wer ausfällt, weil er sich nicht wohl oder einfach nicht in der Lage fühlt, zur Arbeit zu kommen, erhält demnach auch nichts.» Wenn sich jemand wegen seiner psychischen oder physischen Befindlichkeit von der Arbeit abmelde, «glauben wir das» – aber Abmelden ist Pflicht. Dass seine Klienten eine richtige Arbeitsstelle haben, sei ausschlaggebend für ihr Selbstwertgefühl, sagt Michael Higi. «Dazu gehören aber auch Pflichten wie zum Beispiel das Abmelden. Und das oberste Gebot der Hausordnung, nämlich «anständiger Umgang miteinander», muss eingehalten werden. Michael Higi ist ein toleranter Chef, der auch einmal eine Pause zeitlich überziehen lässt, der nichts dagegen hat, wenn Raucher ab und zu im Gärtli verschwinden. «Diese Haltung wurde noch nie ausgenützt. Wir hatten auch nie eine Reklamation der Nachbarn.» Man habe es hier schliesslich mit Erwachsenen zu tun.

«Termindruck käme nicht gut»

Im Arbeitsatelier entstehen originelle und witzige Artikel, die unter dem Slogan «Kleine Präsente für grosse Momente» angeboten werden. Ab und zu kann ein Auftrag erledigt werden, zum Beispiel für die tät-tat GmbH, die sich auf die Herstellung und den Vertrieb von Artikeln aus sozialer Produktion spezialisiert hat. Aktuell ist das der «Zunder», ein Anzünd-Set mit einem kleinen Büscheli Holz, Zündhölzern und einer Wurst, alles fein aufgefädelt auf einem alten Veloschlauch. «Auftragsarbeiten sind aber selten. Wir wollen auf keinen Fall Termindruck aufbauen – das käme nicht gut.» Die meisten Produkte sind deshalb Eigenkreationen, die in erster Linie auf Märkten, in claro-Läden oder übers Internet, beispielsweise über die Plattform von Faircustomer AG, angeboten werden.

Bekannt für «schräge» Produkte

Alle Artikel werden aus Recyclingmaterial hergestellt. Michael Higi: «Wir haben uns unterdessen einen Namen gemacht mit <schrägen> Produkten.» Das können die Anzündwürfel «heisse Füsse» (in Fussform) sein, ein Guerilla-Gartenset mit Töpfli, Erde und Samen, ein Guerilla-Partyset mit kleiner Fackel, Taschen aus Schallplatten, der «Födleschoner», eine isolierte Sitzunterlage aus Malzsäcken, Snacks unter dem Namen «Nebis zom Schnabuliere för Goofe, Frauevolk ond Mannezimmer». «Wir machen weder den geschützten Werkstätten noch den Produktionsbetrieben Konkurrenz», sagt Michael Higi.

Gegen die Einsamkeit

Bald findet wieder der Trogner Adventsmarkt statt, ein wichtiger Termin für das Arbeits- und Kreativatelier. Die Anwesenden arbeiten konzentriert, kleben papierene Weihnachtskugeln auf Karten, giessen Formen aus Kerzenwachs, bügeln, schöpfen, schneiden. Valeska Bänziger hilft einer Frau, es wird gelacht. Hier läuft keine Hintergrundmusik. «Viele meiner Mitarbeitenden leben allein, vielleicht auch ein wenig einsam. Hier sollen sie während der Arbeit miteinander sprechen und diskutieren können, wenn sie mögen. Das finde ich wichtig, das ist auch der Produktivität nicht abträglich. Zudem fördert das die Solidarität untereinander, die ohnehin schon gross ist. Jeder akzeptiert, wenn es dem anderen einmal nicht so gut geht.»

www.sozialbegleitung-appenzeller land.ch. Die Artikel sind erhältlich im Arbeitsatelier, Neue Steig 6, Herisau, im claro-Laden Herisau, am Christchindlimarkt St. Gallen (28.11.) oder am Trogner Adventsmarkt (5.12.).

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… wie diese kleine Auswahl an Produkten zeigt.

Antonio Costa schneidet den Stoff, aus dem Schürzen entstehen.

Antonio Costa schneidet den Stoff, aus dem Schürzen entstehen.

Michael Higi Leiter des Arbeits- und Kreativateliers

Michael Higi Leiter des Arbeits- und Kreativateliers

Dragica Trubic zeigt mit Freude die Weihnachtskarten, an denen sie im Hinblick auf Advents- und Weihnachtsmärkte arbeitet. (Bilder: Monika Egli)

Dragica Trubic zeigt mit Freude die Weihnachtskarten, an denen sie im Hinblick auf Advents- und Weihnachtsmärkte arbeitet. (Bilder: Monika Egli)