Heute fliegt Herr Hasler aus

Kurt Hasler ist Jäger, Jäger durch und durch. Auch wenn der «Solino»-Bewohner aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf die Pirsch gehen kann, hat er sich die Begeisterung für seine Leidenschaft bewahrt. «Sehen Sie, ich trage Grün», sagt der 81-Jährige und zeigt auf seine Kleider.

Anina Rütsche
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Jäger unter sich: Birger Stump (links) und sein Gast Kurt Hasler fachsimpeln im Raum, in dem die Trophäen hängen. Bild: Anina Rütsche

Jäger unter sich: Birger Stump (links) und sein Gast Kurt Hasler fachsimpeln im Raum, in dem die Trophäen hängen. Bild: Anina Rütsche

Kurt Hasler ist Jäger, Jäger durch und durch. Auch wenn der «Solino»-Bewohner aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf die Pirsch gehen kann, hat er sich die Begeisterung für seine Leidenschaft bewahrt. «Sehen Sie, ich trage Grün», sagt der 81-Jährige und zeigt auf seine Kleider. Nicht umsonst hat sich Kurt Hasler weidmännisch herausgeputzt. Heute, an einem sonnigen Septembertag, hat der Senior Grosses vor. Zusammen mit seiner Betreuerin, der Pflegefachfrau Adelinde Zellweger, fährt er von Bütschwil ins Obertoggenburg. Was ihn dort erwartet, weiss der an Demenz erkrankte Mann nicht genau. «Überraschung», meint er kurz und knapp, während er auf dem Beifahrersitz Platz nimmt.

Hinter Kurt Haslers heutigem Ausflug steckt viel Planungsaufwand. Seine Betreuerin Adelinde Zellweger hat im Vorfeld recherchiert, organisiert und ein Budget beantragt. Den Anstoss dazu hat das Jahresmotto des «Solino» gegeben. Es lautet «Gelebte Herzlichkeit – erfüllte Wünsche» (siehe Kasten). In diesem Rahmen erhalten die betagten Leute die Gelegenheit, etwas zu unternehmen, wovon sie schon lange träumen. Auch die Mitarbeitenden machen sich Gedanken über mögliche Herzenswünsche der Bewohnerinnen und Bewohner – dies vor allem für Menschen mit Demenz. «Bei Kurt Hasler war der Fall klar, er wollte auf die Jagd», sagt Pflegefachfrau Adelinde Zellweger und lacht. «Also machte ich dies in angepasster Form möglich.»

Die Fahrt ins Blaue, nein, ins Grüne, führt nach Wildhaus. Genauer gesagt zu Birger und Marlise Stump, die oberhalb des Dorfes wohnen. In der Nähe des Schwendisees, mit Blick auf Churfirsten und Säntis. «Schön», findet Kurt Hasler. Birger Stump ist ebenfalls Jäger und zudem Obmann der Jagdgesellschaft Wildhaus. Er hat sich an diesem Morgen Zeit genommen, um mit dem Pensionär über die Jagd zu plaudern und ihm seine Trophäen-Sammlung zu zeigen. Ausgedacht und eingefädelt hat das Ganze übrigens die Tochter der Gastgeber, Tina Stump, die als Pflegehelferin im «Solino» tätig ist.

Zur Einstimmung gibt es einen Kaffee auf der Terrasse. Luna, die Ferienhündin, begrüsst den Gast freudig wedelnd. Kurt Hasler strahlt: «Früher hatte ich auch Hunde, zwei sogar.» Ja, wenn er von vergangenen Zeiten erzählen kann, ist der 81-Jährige in seinem Element. «Fünfzig Jahre lang habe ich gejagt – Hirsche, Rehe, Gemsen, Füchse und Dachse, alles in Brunnadern», sagt er in die Runde. Birger Stump schmunzelt: «Dann sind Sie mir voraus. Ich bin nämlich erst seit vierzig Jahren Jäger.» Die beiden beginnen zu fachsimpeln. Es fallen Wörter, von denen Aussenstehende keine Ahnung haben. Doch das macht nichts, denn es ist schliesslich Kurt Haslers Tag. Und Kurt Hasler möchte etwas erleben, also Bilder und Trophäen anschauen. Der Rundgang beginnt in der Stube. Dort hängt ein mächtiges Steinbock-Gehörn. Kurt Hasler ist beeindruckt. «So eins habe ich nicht.»

Am besten gefällt es dem Senior in der grossen Garage, die auch als Hobby- und Ausstellungsraum dient. An den Wänden sind unzählige Geweihe, Hörner und Zähne von Wildtieren befestigt, die Birger Stump in seiner Laufbahn im In- und Ausland erlegt hat. Vor einem mächtigen Hirschgeweih, «einem ungeraden Vierzehner», bleiben die beiden Jäger stehen. «Gut, aber ich habe einen Sechzehner, der ist besser», meint Kurt Hasler. Dann hört er gebannt zu, wie Birger Stump einige seiner Jagdgeschichten zum Besten gibt.

Kurt Haslers Ausflug ist nach dem Besuch beim Obmann der Jagdgesellschaft noch nicht vorbei. Mit Adelinde Zellweger kehrt der Senior im nahen Restaurant Stump's Alpenrose ein. Und bestellt, natürlich, zum Zmittag eine Portion geschnetzeltes Wild mit viel Sauce und Rösti sowie ein kühles Bier.

Morgen Samstag, 17. September, findet im «Solino» das «Herzfest» statt. Eingeladen ist auch die Öffentlichkeit.