Herr Jütting aus Ostfriesland

Brosmete

Richard Fischbacher
Merken
Drucken
Teilen

Seit 1. Juli dürfen im Kanton Appenzell Ausserhoden Geburten, Trauungen, Eintragungen von Partnerschaften und Todesfälle von den Ämtern nicht mehr publiziert werden. Hier ist man der Meinung, dass dies wegen einer Aufhebung eines Artikels in der eidgenössischen Zivilstandsverordnung zu geschehen hat. Wenn ich aber Zeitungen im Kanton St. Gallen und Appenzell Innerhoden lese, so werden Todesfälle weiterhin munter drauflos publiziert. Wie das? Ist der Ausserrhoder Regierungsrat einfach nur stur und hält sich minutiös an die Vorgaben? Die bisherige Praxis beruhte darauf, dass solche Zivilstandsereignisse auf ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen erfolgen konnten. Aus Datenschutzgründen soll das nun plötzlich hier nicht mehr möglich sein, in anderen Kantonen aber schon? Das begreift kein Mensch.

Deshalb ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung vom Vorderland bis auf die Höhen des Säntis. Ehrlich gesagt, ich verstehe den Unmut. Früher – als Internet, Facebook und dergleichen noch unbekannt waren – gab es in den Dörfern einen Ansager, der gute und schlechte Nachrichten verkündete. In einem Artikel des Spiegelmagazins von 2014 stand: Wenn Bernhard Jütting in Schlips und Kragen vor der Haustür an der Tür klingelt, heisst das oft nichts Gutes. Der 55-Jährige ist Ansager im ostfriesischen Dorf Nortmoor. «Wenn ich komme, komme ich des Todes wegen», sagt der pensionierte Standesbeamte. Stirbt im Dorf jemand, zieht Jütting ein weisses Hemd und einen dunklen Anzug an, bindet die schwarze Krawatte um und geht von Haus zu Haus. Stellen Sie sich vor, der Herr Jütting würde seinen Ansagerberuf in Appenzell Ausserrhoden ausüben, der wäre schon längstens arbeitslos. Anzug, Hemd und Krawatte könnte er verkaufen. Oder doch nicht? Zu hoffen ist, dass sich die Verantwortlichen im Kanton an den armen Herrn Jütting erinnern und die Veröffentlichung der Zivilstandsereignisse wieder zulassen. Es muss ja nicht mehr jeden Tag der Ausrufer durch die zwanzig Gemeinden sprinten. Publikation in den Medien genügt.

Richard Fischbacher