Herisauer produziert für Stern TV

HERISAU/BERLIN. Ursprünglich wollte Stephan Guntli zum Philosophiestudium nach Berlin. Über 30 Jahre später lebt und arbeitet er noch immer in der Grossstadt. Sein Auftraggeber: Stern TV. Seine Vorliebe: Aufnahmen mit der versteckten Kamera.

Stephanie Sonderegger
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In den Kreuzberger Räumlichkeiten von Stephan Guntli haben sich über die vergangen Jahrzehnte zahlreiche Filmaufnahmen angesammelt. (Bild: Stephanie Sonderegger)

In den Kreuzberger Räumlichkeiten von Stephan Guntli haben sich über die vergangen Jahrzehnte zahlreiche Filmaufnahmen angesammelt. (Bild: Stephanie Sonderegger)

«Wir waren auf der Maturareise in Berlin und wollten dem Mythos von Kreuzberg auf den Grund gehen», erzählt Stephan Guntli, während er auf seiner Terrasse in Kreuzberg an seiner E-Zigarette zieht. «Wir haben das wilde Kreuzberg nur nicht gefunden.» Der 53-Jährige lacht. Inzwischen lebt er seit über 30 Jahren in dem Bezirk, der sich im Laufe der Zeit zu einem hippen Stadtteil für Studenten, Familien und Menschen aller Nationen entwickelt hat.

Eine etwas andere Taxifahrt

«Ich bin Anfang der 80er-Jahre für mein Philosophiestudium nach Berlin gezogen», sagt Stephan Guntli. Über Umwege sei er schliesslich in einer WG in Kreuzberg gelandet – und dort geblieben. Während des Studiums interessierte sich Stephan Guntli bereits für das Filmen und Schneiden von Bewegtbild. «Damals kam die Jugendbewegung <New Wave> gerade auf und damit die ersten Musikvideos», sagt er. Zusammen mit Freunden erstellte er fortan Videoclips, die in alternativen Restaurants über Videokassetten abgespielt wurden. Aus den Musikvideos wurden experimentelle Kunstfilme, später arbeitete er für den Rundfunk im amerikanischen Sektor – Rias genannt. «Das war ein Propaganda-Sender aus dem Westen, der vorwiegend für den Osten produziert wurde», sagt der Fernsehjournalist.

Während der Arbeit bei Rias erlebte Stephan Guntli auch den Fall der Mauer. «Ich war gerade dabei, einen Beitrag zu einem Kurzfilmfestival zu schneiden», sagt er. Er habe die Mitteilung des Mauerfalls erst nicht ernst genommen und die ganze Nacht weitergearbeitet. «Erst als ich morgens in ein Taxi gestiegen bin und zum Kurfürstendamm fahren wollte, hat mich die Fahrerin darauf aufmerksam gemacht, dass das nun bestimmt mehrere Stunden dauern könnte.» Aus einer halbstündigen wurde eine dreistündige Fahrt, aus einem entspannten Einkauf im Supermarkt in den darauffolgenden Wochen eine enorme Geduldsprobe. «Die Ost-Berliner haben alle 100 Mark bekommen und sind damit einkaufen gegangen. Das war schon verrückt.»

Fester Teil von Stern TV

Nach der Gründung der ersten Privatsender Mitte der 80er-Jahre wurde 1990 erstmals das von Günther Jauch moderierte Fernsehformat Stern TV ausgestrahlt. Stephan Guntli verfolgte die ersten Schritte und war schnell begeistert von der Machart der Sendung. «Stern TV hat damals unkonventionelle Sachen gezeigt, das fand ich gut», sagt der 53-Jährige. Über einen Kontakt gelang es ihm, eine Idee für einen Beitrag zu präsentieren und diese dann auch umzusetzen. Hauptmerkmal der Arbeiten des Ausserrhoders waren schon damals die stets authentisch dargestellten Inhalte, «die Leute dürfen nicht merken, dass ich filme». So kam es, dass sich der Herisauer früh mit der Technik der versteckten Kamera auseinandersetzte. Mit seinem zweiten Beitrag für Stern TV zum Thema Zivilcourage gelang Stephan Guntli dann der endgültige Einstieg in die Fernsehbranche. Der in Berlin lebende Journalist blieb aber stets selbständig. «Nur einmal habe ich für zwei Jahre in der Kölner Stern-TV-Redaktion als Festangestellter gearbeitet», sagt er, «Aber ich wollte zurück nach Berlin.»

Rückkehr nicht ausgeschlossen

Inzwischen sind Stephan Guntlis Beiträge fester Bestandteil der deutschen News- und Unterhaltungssendung, die jeweils mittwochs auf RTL ausgestrahlt wird. «Entweder ruft die Redaktion mich aus Köln mit einem Themenvorschlag an, oder ich bringe selber eine Idee», sagt Stephan Guntli, der inzwischen von zwei Festangestellten und Praktikanten unterstützt wird. Wird aus einer Idee tatsächlich ein Fernsehbeitrag, koordiniert und organisiert der 53-Jährige den Dreh, führt die Interviews und kümmert sich um zukünftige Studiogäste für die Sendung. «Ich muss nichts aus der Hand geben, das ist das Gute an meiner Arbeit», sagt er. Jeweils montags reise er mit seinem Beitrag in die Stern-TV-Redaktion in Köln, wo dieser begutachtet und besprochen wird. «Und am Mittwochabend geht er dann mit den jeweils gewünschten Anpassungen auf Sendung.»

Gefragt nach seiner Appenzeller Heimat, lacht Stephan Guntli und sagt: «Noch vor drei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals sagen würde, dass ich mir eine Rückkehr in die Schweiz vorstellen könnte.» Inzwischen hat sich der in Berlin wohnhafte Herisauer mit dem Gedanken angefreundet, im hohen Alter in seine alte Heimat zurückzukehren. «Im Appenzellerland ist es den Leuten egal, ob ich für einen Weg drei oder vier Stunden brauche. Hier in Berlin wird man als älterer Mensch nicht so gut behandelt», sagt er und zieht an seiner E-Zigarette. Umzugspläne schmiedet der vielbeschäftigte Wahl-Berliner allerdings nicht – im Gegenteil: «Solange ich an meinem Leben in Berlin festhalten kann, möchte ich das auch tun.»