Fasnacht im Appenzellerland: Nur Herisauer Beizen mögen es noch freizügig

Die Beizenfasnacht kränkelt. Immer weniger Beizen sind dekoriert. Es zeigt sich: Nackte Haut zieht nicht überall gleichermassen.

Alessia Pagani
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Was in Innerrhoden keinen Platz findet, wird in Ausserrhoden an der Fasnacht zelebriert: die Nacktheit.

Was in Innerrhoden keinen Platz findet, wird in Ausserrhoden an der Fasnacht zelebriert: die Nacktheit.

Bild: Getty

Während in Ausserrhoden die närrische Zeit noch grösstenteils bevorsteht, ist sie in Innerrhoden bereits in vollem Gange. In den dekorierten Beizen herrscht dieser Tage und noch bis 24.Februar Hochbetrieb – zumindest in jenen, die noch an der Beizenfasnacht festhalten. Immer seltener fiel einem in den vergangenen Jahren ein Dekoriert-Schild an den Gaststätten auf. «Es sind nicht mehr viele Beizer, die diese Tradition noch leben», sagt denn auch Sibille Broger. Seit neun Jahren wirtet sie im «Engel» in Appenzell und seit ebenso vielen Jahren dekoriert sie ihr Lokal. In diesem Jahr steht es unter dem Motto «Arena zom Engel». Es soll eine Anlehnung an das Eidgenössische Jubiläums-Schwingfest 2020 sein. Obwohl die Beizenfasnacht für sie zur Tradition gehört, hat auch Broger sich dieses Jahr lange überlegt, ihr Gasthaus wieder aufwendig zu schmücken. Die Stammgäste hätten sie dann schliesslich überredet. «Als Gegentausch haben sie beim Dekorieren angepackt und helfen an einem Tag im Service aus», so Sibille Broger. Auch wenn die teilnehmenden Gaststätten immer weniger werden, sagt sie: «Die Beizenfasnacht gehört für mich in Appenzell einfach dazu.»

Immer mehr Anlässe buhlen um Gäste

Einer, der sich an andere Zeiten erinnert, ist Patrick Schai. «Es ist nicht mehr wie früher», sagt er. Schai kennt sich aus in der Gastroszene. Der 43-Jährige ist Geschäftsführer der Firma «Gade Bar und Events GmbH» und organisiert seit 30 Jahren Veranstaltungen. Er führte unter anderem den Bierkeller in Herisau, wirtete 18Jahre im «Gade» in Gais und ist Inhaber des «Pub» und der «Bäumli Bar» in Appenzell, welche dekoriert sind. «Ich hoffe, dass die Beizenfasnacht in Appenzell wieder einen Aufschwung erhält. Sie ist eine wunderschöne Tradition, die Gross und Klein, Alt und Jung – einfach alle Menschen – verbindet. Eine Zeit, in der man sich ausleben kann.» Heuer würden «leider nur noch» sieben Beizer mitmachen.

Die Gründe seien vielfältig, so Schai. «Die Gastroszene hat sich verändert, das merken wir auch während der Fasnacht.» Die Gäste kommen heute vor allem an den Wochenenden. An den Wochentagen sei es eher ruhig, auch während der närrischen Zeit. «Auch haben die gesetzlichen Vorschriften mit dem Rauchverbot und der Herabsetzung der Promille-Grenze Einfluss auf die Gästezahlen.» Einen weiteren Grund sieht Patrick Schai in der gestiegenen Konkurrenz in Sachen Anlässe.

Die Innerrhoder Fasnacht unterscheidet sich laut Patrick Schai stark von denen in den Nachbarkantonen. Nicht nur, dass sie früher beginnt als etwa in Ausserrhoden. «Auch setzen wir sehr viel mehr Wert auf Dekoration als auf nackte Haut.» Einige Innerrhoden Beizer beginnen denn auch bereits einen Monat vor der Fasnacht mit dem Dekorieren. «Es werden teilweise ganze Innenausbauten realisiert. Es steckt sehr viel Herzblut dahinter», so Schai. Viel nackte Haut sieht man in Innerrhoden aus gutem Grund nicht: Der Gesetzgeber toleriert kein spärlich bekleidetes Personal. Da macht er auch an der Fasnacht keine Ausnahme. «Auch deswegen sind unter der Woche mindestens 50 Prozent der Gäste bei uns weiblich.»

Die Beizenfasnacht bedeutet einiges an Aufwand. Es sind lange Arbeitstage, zusätzliches Personal muss angestellt werden oder die Dekorationen durch die Feuerwehr abgenommen werden. Nicht immer hat Schai in den vergangenen Jahren einen Gewinn erwirtschaftet. Vor allem im letzten Jahr sei die Fasnacht für ihn schlecht gelaufen. Trotzdem sagt er: «Es ist immer wieder ein Auf und Ab, aber die Fasnachtstage lohnen sich. Und wenn man mit Herzblut dabei ist, macht es sehr viel Spass.»

Viele Beizen mittlerweile verschwunden

Eine «kränkelnde» Beizenfasnacht ist nicht nur ein Innerrhoder Phänomen, wie sich auch in der einwohnerstärksten Gemeinde Ausserrhodens zeigt. «Die klassische Beizenfasnacht gibt es in Herisau nicht mehr», sagt Stefan Kull. Er ist Inhaber der Amadeus Bar und hat sein ehemaliges Lokal, die «Georg’s Bar» und die «Amadeus Bar» immer aufwendig dekoriert. «Viele Beizen, die die Tradition in der Vergangenheit hochgehalten haben, sind geschlossen oder die Beizer gibt es nicht mehr», so Kull. Unter anderem wegen der immer kleiner werdenden Beizenfasnacht sei im vergangenen Jahr das Narrendorf bei der Chälblihalle mit den ehemaligen vereinigten Herisauer Guggen initiiert worden. «Die Angebote und Kräfte sollten an einem zentralen Ort gebündelt werden.» Heute stehe in den Beizen hauptsächlich die «Nacktheit» im Vordergrund und nicht mehr eine aufwendige Dekoration, was nicht alle Wirte zelebrieren wollen, so Kull. Zudem sei die Beizenfasnacht mit den Lohnkosten und der Dekoration teuer und mit viel Aufwand verbunden.

Waren in Herisau zur Blütezeit rund 20 Beizen dekoriert, sind es in diesem Jahr noch eine Handvoll. So etwa der «Bierkeller», der unter dem Motto «Sexy cats in Lack & Leder» steht. Warum aber nimmt der Inhaber, als einer der wenigen, den Aufwand noch auf sich? «Ich habe einfach Spass daran», sagt Thomas Lyck und freut sich auf die bevorstehenden Fasnachtstage.