Herisauer Auswanderer fährt in Brasilien mit einer mobilen Dusche für Obdachlose durch die Gegend

Vor zehn Jahren wanderte Peter Rechsteiner nach Brasilien aus. Dort engagiert sich der 61-jährige Herisauer für eine gemeinnützige Organisation. Einmal pro Woche fährt er mit einer mobilen Sanitäranlage durch die Gegend, damit Obdachlose sich pflegen können.

Claudio Weder
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Peter Rechsteiner (links) mit einem weiteren Helfer von «Chuveiro Solidário» (rechts) und einem Obdachlosen.

Peter Rechsteiner (links) mit einem weiteren Helfer von «Chuveiro Solidário» (rechts) und einem Obdachlosen. 

Bilder: Cristina Lutz

Als Peter Rechsteiner zum ersten Mal in Brasilien aus dem Flugzeug stieg, hatte er das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Das war vor 18 Jahren, noch bevor er seinen endgültigen Entschluss fasste, gemeinsam mit seiner brasilianischen Frau in deren Heimat auszuwandern. Seit zehn Jahren nun lebt der 61-jährige Herisauer in der Nähe von Natal, einer Stadt mit knapp einer Million Einwohnern im Nordosten Brasiliens. Er ist dort nicht nur Teilzeit-Touristenführer, sondern setzt sich auch für die Obdachlosen ein. «Ich wurde von den Einheimischen mit offenen Armen empfangen, nun will ich dem Land etwas zurückgeben», so Rechsteiner.

In Brasilien ist die Schere zwischen arm und reich viel grösser als in anderen Ländern, erzählt der gelernte Schreibmaschinen-Mechaniker. Die Armut sei viel sichtbarer. Auch in Natal. «Es ist eine eher arme Region ohne grosse Industrie, die stark vom Tourismus abhängig ist.» Rechsteiner nennt diese Region daher auch das «Tessin Brasiliens». Nicht zuletzt wegen des warmen Klimas.

Zu seinem Engagement für die gemeinnützige Organisation «Chuveiro Solidário» (deutsch: Solidaritätsdusche) kam er aber mehr durch einen Zufall, wie Rechsteiner erzählt. Von den anderen freiwilligen Helfern hatte niemand ein Fahrzeug, das stark genug war, um einen Anhänger zu ziehen. Peter Rechsteiner hingegen schon. «Aus diesem Grund bin ich angefragt worden.»

Einmal pro Woche im Einsatz

Der besagte Anhänger, mit dem der 61-Jährige jeden Mittwochabend durch die Gegend fährt, ist jedoch kein gewöhnlicher Anhänger, sondern eine mobile sanitäre Anlage. Auf dem Gefährt befinden sich zwei Duschkabinen, deren Wände aus senkrecht aneinandergereihten Wasserrohren bestehen. «Das Rohrsystem fungiert dabei gleichzeitig als Wassertank, der rund 1000 Liter fasst», so Rechsteiner. Aufgewärmt werde das Wasser durch die schwarze Farbe der Rohre. Das Wasser werde dadurch zwar nicht ganz heiss, erreiche aber eine Temperatur, die zum Duschen gerade angenehm sei.

Auf dem Wagen befinden sich zwei Duschkabinen.

Auf dem Wagen befinden sich zwei Duschkabinen.

Die Route, die der Auswanderer gemeinsam mit den anderen freiwilligen Helfern zurücklegt, ist immer dieselbe. Sie führt in einen Vorort Natals, in die Nähe des Spitals und auf einen alten Markt, wo sich viele Obdachlose aufhalten. In den beiden Kabinen haben sie die Möglichkeit, zu duschen. Ebenso sind aussen am Anhänger Lavabos und Spiegel angebracht, wo sich die Obdachlosen waschen, rasieren oder die Zähne putzen können. Zudem werden Hygieneartikel wie Seife oder Shampoo verteilt. «Manche fragen nach dem Duschen auch nach Deo oder Parfum», erzählt Rechsteiner.

Für den 61-Jährigen sind die Einsätze emotional. «Die Obdachlosen werden zu anderen Menschen, sobald sie geduscht haben. Sie kommen aus sich heraus, blühen richtig auf. Das ist sehr berührend.» Für viele brauche Körperpflege aber Überwindung.

«Wenn Menschen sich komplett aufgegeben haben, ist es ihnen meist egal, wie sie riechen oder aussehen.»

Letztlich geht es den Mitwirkenden bei «Chuveiro Solidário» nicht nur um die Hygiene der Obdachlosen. «Wenn wir mit dem Duschwagen vorfahren, bringen wir auch Essen, Kleider oder Spielsachen mit», sagt Rechsteiner.

«Wir wollen die Menschen animieren, wieder am Leben teilzunehmen.»
Den Obdachlosen wird auch Essen verteilt.

Den Obdachlosen wird auch Essen verteilt.

Ein Einsatz habe ihn besonders berührt: »Vor ein paar Monaten haben wir einen Mann aus einem Graben gerettet. Er war in einem bedenklichen Zustand und wäre vermutlich am nächsten Tag gestorben, wenn wir ihn nicht gefunden hätten.» Der Mann wurde im Anschluss von Rechsteiner und den übrigen Mitwirkenden gewaschen, aufgepäppelt und ins Spital gebracht. «Heute geht es ihm wieder gut. Und er kommt uns häufig besuchen.» Ein anderer Obdachloser konnte sogar wieder zu seiner Familie zurückgebracht werden.

An der Seite des Wagens sind Lavabos und Spiegel angebracht.

An der Seite des Wagens sind Lavabos und Spiegel angebracht.

Genau solche Erfolgsmomente seien es, die Peter Rechsteiner jeden Mittwoch erneut motivieren, sich für die Obdachlosen einzusetzen. Auch wenn alles bloss ein Tropfen auf den heissen Stein sei. Der 61-Jährige ist überzeugt:

«Wenn jede Person, der es gut geht, zwei anderen hilft, die bedürftig sind, dann ginge es vielen Menschen besser.»
Kleiderausgabe vor dem Duschen.

Kleiderausgabe vor dem Duschen.

«Chuveiro Solidário» ist kein Verein, sondern ein loser Zusammenschluss von rund 30 Freiwilligen. Er ist sowohl politisch als auch religiös neutral und hat kein Geld zur Verfügung. «Alles, was wir den Obdachlosen abgeben – ob Kleider oder Hygieneartikel – erhalten wir von Privaten, Unternehmungen oder Organisationen.» Auch Geldspenden würden eintreffen. Diese werden künftig vor allem für Reparaturarbeiten am Duschwagen verwendet. «Bislang habe ich alle Arbeiten am Wagen aus dem eigenen Sack bezahlt», sagt Rechsteiner, der im Team auch für die technischen Dienste zuständig ist.

Er stand kurz vor einem Burn-out

Bevor Rechsteiner nach Südamerika auswanderte, war er unter anderem Geschäftsführer einer Möbelfirma in Herisau. «Ich war damals völlig überarbeitet, stand kurz vor einem Burnout», erzählt er. Eines Tages habe ihm seine Frau gesagt, dass etwas mit ihm nicht stimme. Nicht lange ging es, bis er seine Kündigung einreichte und sich entschloss, sich in Brasilien ein neues Leben aufzubauen. Die Auswanderung bereut Rechsteiner bis heute nicht. «Ich freue mich zwar immer, wenn ich in die Schweiz reisen kann, um Freunde zu treffen oder meine Kinder und Enkelkinder zu sehen. Doch mein Zuhause ist in Brasilien.»

In seiner Wahlheimat arbeitet er hauptsächlich als Touristenführer, organisiert Ausflüge, betätigt sich als Fahrer oder beherbergt Feriengäste bei sich zu Hause. «Mir geht es gut hier», sagt Rechsteiner. Er könne gut leben, auch wenn er nicht voll arbeite. Zudem liessen sich in Brasilien Projekte verwirklichen, die in der Schweiz kaum denkbar seien. Ein nächstes Projekt hat Rechsteiner schon ins Auge gefasst. «Ich möchte eine zweite Gruppe von ‹Chuveiro Solidário› in Natal auf die Beine stellen – das ist ein Herzenswunsch von mir und meiner Frau.»

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