HERISAU: Zwerg und Riese sorgten für Aufsehen

Zu den seinerzeit berühmten Botschaftern des Appenzellerlandes gehörten nicht nur die kleinwüchsigen Leutchen aus Oberegg, sondern auch Seppli Fässler aus Herisau. Er und sein grosser Schwager bildeten ein Künstlerpaar. Seppli Fässler starb vor 50 Jahren.

Peter Eggenberger
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Das Herisauer Künstlerpaar sorgte überall für riesiges Aufsehen. (Bild: pd)

Das Herisauer Künstlerpaar sorgte überall für riesiges Aufsehen. (Bild: pd)

HERISAU. Ältere Semester erinnern sich noch gut und gern an Seppli Fässler. Er hatte Innerrhoder Wurzeln und wurde 1898 in Herisau geboren, wo er auch zeitlebens wohnte. Als Gööfli kränkelte er ständig und litt unter anderem an Epilepsie. Zum Schrecken der Mutter wollte es auch mit dem Wachstum nicht vorwärtsgehen. Als er sich 1917 beim Militär zu melden hatte, wurde mit ihm kurzer Prozess gemacht. Nach der weniger als eine Minute dauernden Begutachtung wurde in seinem Dienstbüchlein eine Körpergrösse von 90 Zentimetern vermerkt. Der Aushebungsoffizier stellte ihn zurück, lachte und riet: «Geh nach Hause zu deiner Mutter und iss wacker Läckerli, Hung ond Schmalz.» Genützt hat es nichts, und Seppli blieb zeitlebens ein kleiner Mann.

Mit einem Riesen unterwegs

Volljährig geworden, machte Seppli das Beste aus seiner Situation. Nun war er fast täglich mit seinem aus Holland stammenden Schwager Jan van Albert Kramer unterwegs, der mit seiner beeindruckenden Körperlänge von sagenhaften 2 Metern und 70 Zentimetern der grösste Mann der Welt war. Der hohe Zylinderhut und der vornehme Frack liessen ihn noch grösser erscheinen. An Jahrmärkten, Kilbenen, Messen und Volksfesten im In- und Ausland sorgte das ungleiche Paar regelmässig für riesiges Aufsehen.

Mit Wetten Geld verdient

Wenn sich genug Gaffer um die beiden ungleichen Männer geschart hatten, lud der Riese lautstark zu einer Wette ein. «Heee, Achtung, ihr lieben Leute! Wir kommen aus dem schönen Appenzellerland. Schaut her und passt gut auf! Ich beweise euch nun, dass ich Seppli auf meiner Hand zu tragen vermag. Wer wagt es und wettet dagegen?» «Schwätzer! Prahlhans! Das ist unmöglich!», hiess es dann in der Runde. Albert brach in schallendes Gelächter aus, liess sich Seppli auf den Handteller stellen und bewies, dass es halt doch möglich war. Dann stellte er seinen Gefährten sanft auf den Boden und kassierte schmunzelnd das Wettgeld.

Markenzeichen Lendauerli

Nach der Schaustellerei hielt sich der mittlerweile doch noch 105 Zentimeter gross gewordene Seppli am liebsten rund um den Herisauer Bahnhof auf. Hier schaute er fasziniert den Zügen zu. Gerne unterhielt er sich aber auch mit den Passanten über das Tagesgeschehen und frühere Zeiten. Sein Markenzeichen war das Lendauerli, und nie war er ohne die typische Appenzeller Tabakpfeife anzutreffen. Das berühmte Appenzeller Dorforiginal verstarb im Jahre 1966.

Mehr zu Seppli Fässler ist im Kurzgeschichten-Buch «Druss ond drii» von Peter Eggenberger zu erfahren. Erhältlich ist es im Buchhandel und beim Appenzeller Verlag, Schwellbrunn.