HERISAU: Von Skipionieren und Gummiböden

Zum dritten Mal lud das Ausserrhoder Staatsarchiv zur Archivnacht. Dabei präsentierte das Archivteam wiederum ein spannendes Potpourri aus Ausserrhoder Pionierleistungen, Kuriositäten und auch Misserfolgen.

Roman Hertler
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Eine Skischanze bei Speicher, aufgenommen im Jahr 1911. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Eine Skischanze bei Speicher, aufgenommen im Jahr 1911. (Bild: Kantonsbibliothek AR)

Darüber gegangen ist vermutlich fast jeder schon einmal. Dass es sich dabei aber um eine Herisauer Erfindung handelt, ist vielleicht nicht mehr allen in Erinnerung. Die Rede ist vom Gummiboden Sucoflor der Firma Suhner & Co. So hat die Firma – schon damals das bedeutendste Industrieunternehmen des Kantons – vor dem Zusammenschluss zur Huber+Suhner geheissen.



Das meist grau maserierten Bodenmuster kennt man heute vor allem noch vom Nachfolgeprodukt aus Plastik her in Treppenhäusern von 60er- und 70er-Jahre-Bauten. Zum Einsatz gekommen ist Sucoflor aber auch in Kirchen, Schulhäusern und sogar als Wandabdeckung in Badezimmern. Die Unternehmerfamilie hatte den Belag im eigenen Badezimmer getestet, bevor er 1933 auf den Markt kam. «Staubfrei, hygienisch, elastisch, schalldämpfend und gleitsicher», so wurde der Gummiboden beworben. Trotz Naturgummiknappheit während der 1930er-Jahre erstellte die Firma Suhner, unter anderem Hersteller isolierter Drähte und Kabel, einen Erweiterungsbau für die Gummifabrik und entwickelte unter anderem den Kunststoff Suconit, der beispielsweise zum Telefonhörer gepresst ein Dauerbrenner beim damaligen Fernmeldemonopolisten PTT war. Dies wiederum schuf Kapazitäten in der Gummifabrik zur Entwicklung des Bodenbelags.

Mit der Ausserrhoder Archivnacht will das Staatsarchiv Schätze aus der Vergangenheit heben und an die Öffentlichkeit tragen. Der Anlass fand vergangene Woche zum dritten Mal statt und war wie die Ausgaben zuvor schon Wochen im Voraus ausgebucht.

Weniger aufwendig, aber nicht weniger unterhaltsam


Letztes Jahr war der Anlass in der Alten Stuhlfabrik in Herisau noch etwas aufwendiger produziert, beispielsweise mit den humoristischen Filmeinlagen von Philipp Langenegger. Anlass dazu war die gleichzeitige Verabschiedung des langjährigen Staatsarchivars Peter Witschi, der heuer auf den Zuschauerrängen Platz genommen hat. Dennoch muss sich das Archivteam, das mittlerweile durchwegs aus Frauen besteht, nicht verstecken für die diesjährige Archivnacht. Wiederum haben sie die Zutaten für die archivalischen Haupt- und Zwischengänge aus den Archivkellern geholt und dem Publikum als bekömmliches und reichhaltiges Geschichtsmenu serviert. Die Rede war vom Edisson-Assistenten John Krüsi, der mithalf, den Fonografen, einen Vorläufer des Grammofons, zu entwickeln. Oder von Berta Brenner, die in den 1930er-Jahren und damit fast 60 Jahre vor der Einführung des Frauenstimmrechts stellvertretende Ausserrhoder Ratsschreiberin wurde. Es wurde berichtet vom Bergrennen Altstätten–Ruppen in den 1910er-Jahren oder den Reklamationen einiger Herisauer, die sich darüber beklagten, dass der Autobus von Herisau nach St. eterzell zu schnell durch das Sägequartier fahre. Das Gefährt der 1904 eingeführten Linie erreichte eine Spitzen­geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern.

Zu den Vorträgen präsentierten die Archivarinnen viel Bildmaterial und Videos. Beispielsweise Filmsequenzen aus dem Archiv des St. aller Fotografen Hans Gross senior. Dieser hatte vermutlich in den 1940er-Jahren die ersten Säntisabfahrer gefilmt. Nicht nur im Skifahren und -springen waren die Appenzeller Pioniere, auch in der Herstellung: Johannes Christen kaufte 1892 eine Wagnerei in Teufen und machte daraus 1902 die erste Skifabrik des Appenzellerlandes.


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