Herisau
Vom Schandfleck zum Bijou: Eine sanfte Sanierung rettet eines der markantesten Gebäude im Dorf

Appenzell Ausserrhoden mit seinem grossen Bestand an alten Liegenschaften hat mit der Hausanalyse ein starkes Werkzeug, um erhaltenswerten Objekten eine Zukunft zu geben.

Karin Erni
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Der hohe Treppenturm an der Poststrasse.

Der hohe Treppenturm an der Poststrasse.

Bild: Karin Erni

Mit seinem markanten, sechsgeschossigen Treppenturm ist das Haus zur Lerche an der Poststrasse 4 in Herisau unübersehbar. Das 1767 erstmals in Dokumenten erwähnte Gebäude diente bis zum Zweiten Weltkrieg verschiedenen Fabrikantenfamilien als Wohnsitz. Danach wurde es Jahrzehnte lang vernachlässigt und war zuletzt teilweise unbewohnbar. Die Wohnungen wurden noch mit Ölöfen geheizt und die sanitären Einrichtungen waren schlecht. Der Verkauf der Liegenschaft 2011 brachte die Wende. «Die AG für städtisches Wohnen (AGSW) aus St.Gallen als neue Eigentümerin hat sich entschlossen, 2016 eine Hausanalyse durchzuführen», sagt Fredi Altherr. Der ehemalige Ausserrhoder Denkmalpfleger hat heute die fachliche Leitung der Hausanalyse inne. Dieses Instrument hat der Kanton im Jahr 2012 lanciert, um Hauseigentümer zur Erneuerung der Bausubstanz zu motivieren und ihnen Massnahmen zur Schaffung von attraktivem Wohnraum aufzuzeigen.

Gebäude und Budget schonen

Regelmässig können sich Interessierte anlässlich von Begehungen über die bereits sanierten Liegenschaften informieren. Weil diese «Tage der offenen Türe» derzeit nicht stattfinden können, hat Fredi Altherr eine Besichtigung für die Medien ermöglicht. «Das Haus zur Lerche ist wohl das eindrücklichste Beispiel für den Nutzen einer Hausanalyse. Das Gebäude ist prägend für das Ortsbild und es besteht ein öffentliches Interesse an seiner Erhaltung», so Altherr. Dass in den letzten Jahrzehnten nur das Nötigste am Haus gemacht wurde, sei auch ein Vorteil. «Im Gegensatz zu vielen anderen, teilweise unsorgfältig sanierten Objekten, ist im Haus zur Lerche heute noch viel originale Bausubstanz vorhanden.» Der mit der Analyse beauftragte Architekt Paul Knill empfahl der Bauherrschaft, möglichst viel der vorhandenen Bausubstanz weiterzuverwenden. Dies schone Gebäude und Budget.

Die Balkone sind auf der ruhigen Seite des Hauses angebaut worden.

Die Balkone sind auf der ruhigen Seite des Hauses angebaut worden.

Bild: Karin Erni

Den ursprünglichen Charme erhalten

Das grösste Manko des alten Holzhauses waren die fehlenden Aussenräume. Diese wurden in Form von Balkonen aus Metall an der Westseite angebracht. Die Wärmedämmung habe lediglich punktuell verbessert werden müssen, sagt Fredi Altherr. «Da es sich um einen massiven Strickbau handelt, verfügt das Haus bereits über gute Werte, wenn die Wände innen und aussen verkleidet sind.» Teilweise konnten noch die alten Fenster mit den originalen Beschlägen erhalten werden. Sie dichten nicht so gut wie ein modernes Fenster. Dies hat aber den Vorteil, dass das Haus atmen kann und ein gutes Wohnklima aufweist. Spannend ist das gewundene Treppenhaus, das samt dem dekorativen Treppengeländer weitgehend im Originalzustand belassen werden konnte. Durch die enge Bauweise besteht keine Absturzgefahr, weshalb die Geländer nicht erhöht werden mussten. Bewohner der oberen Stockwerke müssen allerdings gut zu Fuss sein, denn einen Lift gibt es nicht. Im 1. und 2. Obergeschoss konnte der hochwertige Ausbau mit gestemmter Täferung und Nussbaumtüren erhalten werden. Als Kuriosum verfügt das Haus über einen riesigen Gewölbekeller, in dem einst Fässer gelagert wurden. Er kann jedoch erst nach dem Bau der geplanten Tiefgarage genutzt werden.

Im erstaunlich grossen Gewölbekeller wurden früher Fässer gelagert.

Im erstaunlich grossen Gewölbekeller wurden früher Fässer gelagert.

Bild: Karin Erni

Ein neues Dorfzentrum entsteht

Die AGSW hat in den letzten Jahren die teilweise maroden Gebäude auf dem Sandbühl gekauft, um dort eine zeitgemässe Überbauung mit 45 Wohnungen zu realisieren. Die meisten Häuser zwischen Schmiedgasse und Gemeindehaus müssen aufgrund des grösstenteils schlechten Zustands abgebrochen werden. Als Ganzes erhalten bleibt nur das Haus Lerche. Es soll als Ankerpunkt für die gesamte Überbauung dienen. Den Umbau hat die Firma mit eigenen Mitarbeitern vorgenommen. «Diese Vorgehensweise war ideal», sagt Fredi Bürke, Leiter Immobilien der AGSW. «Dadurch war eine rollende Planung möglich und die Sanierung konnte fortlaufend angepasst werden.» Für den Umbau hätte ein Kompromiss zwischen Wirtschaftlichkeit durch zu erzielende Mieteinnahmen und dem Komfort für die Mieter geschlossen werden müssen, so Bürke. «Dieses Haus hat durch den grossen Altbestand viel Charme. Aber es braucht Liebhaber, die so wohnen wollen.»

Hausanalyse

Kanton und Gemeinde zahlen mit

Was im Jahr 2006 in einer Initiative des Bundesamtes für Wohnungswesen BWO seinen Ursprung hatte, wurde in Appenzell Ausserrhoden zum Erfolgsmodell. Die Hausanalyse steht jedem Besitzer eines alten Hauses im Dorf offen, der nicht weiss, wie er bei einer Sanierung vorgehen soll. Er erhält einen auf seine Bedürfnisse angepassten Vorschlag. Die Kosten für eine Hausanalyse liegen zwischen 4500 und 6000 Franken und werden zu je 1/3 von der Eigentümerschaft, der Gemeinde und dem Kanton getragen. Pro Jahr werden 12 bis 15 Analysen durchgeführt. Mehr Infos unter ar.ch.