HERISAU: Unendlichkeit, die verbindet

Im Werkatelier von Goldschmied Urs Brand können Paare ihre Trauringe schmieden. In zwei Tagen entstehen so einzigartige Stücke, welche Geschichte und Zukunft der Eheleute darstellen.

Mea Mc Ghee
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Mea Mc Ghee

mea.mcghee@appenzellerzeitung.ch

Die Ringe sind fast fertig, auf deren Innenseite wird Urs Brand noch je ein Stückchen eines Lavasteins einarbeiten – als Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse der künftigen Ehepartner. «Den Stein hat das Paar aus den Ferien mitgebracht», sagt der Goldschmied. Er übt sein Handwerk seit 28 Jahren in Herisau aus. Vor fünf Jahren wechselte er an der Oberdorfstrasse die Strassenseite, im Haus mit der Nummer 29 hat der gebürtige Berner sein Werkatelier eingerichtet. Fertigte er früher hauptsächlich eigene Kollektionen, können bei Urs Brand heute Paare ihre Eheringe schmieden. «Sie bringen ihre Ideen ein, ich mache diese möglich. So kann etwas Aussergewöhnliches entstehen», sagt er. «Jedes Paar kann seine einzigartige Geschichte dokumentieren und seine Zukunft darstellen. Die Individualität des Paares kommt so stärker zum Tragen, als wenn es einen Ring aus einer Kollektion kauft.» Wer seine Trauringe selber schmieden möchte, bespricht die Ideen mit Urs Brand. Der Goldschmied macht eine Offerte, skizziert die Schmuckstücke und sucht Lösungen zur handwerklichen Umsetzung. Manche Vorstellungen würden ihn vor ­Herausforderungen stellen, denn schliesslich müsse der Ring schön aussehen und die Verarbeitung lange halten. «Die Paare machen etwas mit­einander, füreinander. In der Regel schmieden die Kunden den Ring des Partners. Das braucht Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen», sagt Urs Brand. Bis die Ringe fertig sind, braucht es viele kleine Arbeitsschritte: Sägen, Hämmern, Löten, Schleifen, Fräsen, Polieren. Schwierige Arbeiten werden auch mal an einem Silberring geübt, etwa das ­Herausarbeiten einer Oberflächenstruktur.

Nachtessen, Massage und Märchen

Zum zweitägigen Workshop, den Urs Brand mit seiner Frau Silvia Stoll anbietet, gehören ein feines Nachtessen sowie einige zwischendurch in Mundart frei erzählte Märchen. Die Gastgeber sind ausgebildete Märchenerzähler mit einer umfassenden Bibliothek im ersten Stock des Atelierhauses. Weiter kommen die Kunden in den Genuss eines Liebesbades und einer entspannenden Massage durch die Heilpraktikerin Silvia Stoll. Sie kann die Muskeln lockern, ist doch die Bearbeitung des Metalls durchaus anstrengend und erfordert Ausdauer.

Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Manche Paare schmelzen die Ringe ihrer Grosseltern ein und verwenden das Gold für die eigenen Trauringe, Zimmerleute integrieren ein Stück Holz, andere wählen Kiesel- oder Edelsteine als zusätzliches Element. Zu den Unikaten gehört die individuelle Gravur in der Handschrift der Kunden. Herzen, Lebenslinien, ein Irrgarten oder Musiknoten auf beiden Ringen sind nebst dem Namen des Partners und dem Hochzeitsdatum gewählte Gravuren. Bei der Gestaltung des Ringes seien oft die Frauen tonangebend. Frauen tragen den Ring meist am Finger, während Männer ihn als Alternative an einer Kette um den Hals tragen. So auch Goldschmied Urs Brand. Aktuell seien Ringe aus Weiss­metallen gefragt, etwa aus Weissgold oder aus Palladium. Viele der Ringe, die im Atelierhaus entstehen, sind mehrfarbig. Verschiedene Goldtöne werden kombiniert, oder auch Kunststoffe wie Karbon und Keramikverbundstoffe.

Der Beruf des Goldschmieds verbindet Kreativität und Handwerk, das gefällt Urs Brand. Der Rohstoff Metall gebe Widerstand, man könne ihn glühen oder schmelzen und immer wieder verformen, ohne dass Material verloren gehe. Ringe symbolisieren für Urs Brand die Unendlichkeit und Trauringe die Verbundenheit zweier Menschen. Es komme vor, dass Paare, die lange verheiratet sind, ihre Ringe verändern wollen. «Selbst Menschen, die von sich sagen, sie hätten zwei linke Hände, können Ringe schmieden, die so perfekt aussehen, wie wenn sie der Goldschmied gefertigt hätte», sagt Urs Brand. Ob Paare, die ihre eigenen Trauringe geschmiedet haben, länger zusammenbleiben als andere, das weiss er nicht. Urs Brand ist aber überzeugt davon, dass die Auseinandersetzung mit sich als Paar und mit dem Ehering wertvoll ist.