HERISAU: Ueli der Brocken

Er ist nicht so sagenumwoben wie der Stein, der morgen am Unspunnenfest gestossen wird. Aber auch das Appenzeller Pendant ist nichts für schwache Männer.

Patrik Kobler
Drucken
Teilen

Patrik Kobler

patrik.kobler@appenzellerzeitung.ch

Beim Philosophieren über das bevorstehende Unspunnen-Fest wusste der allseits bekannte Schauspieler Philipp Langenegger dieser Tage zu berichten, dass es früher auch auf der Schwägalp ein Steinstossen gab. Der Stein befinde sich wahrscheinlich irgendwo in Herisau. Eigentlich, so meinte er, könnte man ja am Schwägalp-Schwinget diese Tradition aufleben lassen. Doch dazu dürfte es vorderhand nicht kommen. «Diese Idee wurde schon von verschiedenen Seiten an uns herangetragen», sagt der OK-Präsident Schwägalp-Schwinget, Niklaus Hörler. Nicht zuletzt aus Platzgründen habe man bisher darauf verzichtet.

22,5 Kilo leichter als Unspunnenstein

Dass es in den 1950er-Jahren ein Steinstossen auf der Schwägalp gab, ist für Niklaus Hörler keine Neuigkeit. Er hat sogar einen heissen Tipp, wo sich der Stein heute befinden könnte – bei Hans Rechsteiner in Herisau. Dieser wohnt unweit des Schwingplatzes in der Langelen. Und tatsächlich: Der Schwägalp-Stein befindet sich bei ihm. Für uns hat er ihn aus dem Magazin geholt. Eine schweisstreibende Angelegenheit: Der Stein wiegt satte 61 Kilogramm. Damit ist er zwar 22,5 Kilo leichter als der Stein, der morgen am Unspunnen-Fest gestossen wird, aber er ist doch ziemlich schwer, wie der Selbstversuch zeigt.

Auf der Schwägalp warfen ihn die besten Athleten in den 50er-Jahren jeweils gut 2,7 Meter weit. Zum Vergleich: Die Bestmarke mit dem schwereren Unspunnenstein liegt seit 2004 bei 4,11 Meter.

Berühmtheit erlangte der Unspunnenstein auch, weil er 1984 von jurassischen Separa­tisten aus dem Museum gestohlen wurde. 2001 gaben sie ihn ­zurück. Allerdings waren zwischenzeitlich zwölf Europa­sterne, das Emblem der Béliers und der 6. Dezember 1992, Datum der EWR-Abstimmung, in den Stein gemeisselt worden. Kurz vor dem Unspunnen-Fest 2005 wurde der Stein zum zweiten Mal gestohlen. Seither fehlt von ihm jede Spur. Gestossen wird seit der ersten Entführung mit einer Replik. Aufbewahrt wird diese im sprengstoffsicheren Bunker.

Seit einigen Jahren nicht mehr im Einsatz

Das kleinere Appenzeller Pendant des Unspunnensteins wird nicht im Bunker gelagert, sondern im Stall, und trägt auch keine Europasterne. Dafür sind das Gewicht sowie «Ueli» eingraviert. Gemäss Hans Rechsteiner dürfte der Name auf den Flawiler Steinbildhauer Johann Ulrich Steiger zurückzuführen sein. Aufgrund der markanten Inschrift ist in Schwingerkreisen vom «Ueli Stei» die Rede. Zuletzt kam er jeweils am Sedel-Schwinget zum Einsatz. Seit einigen Jahren liegt der Brocken nun schon unbenutzt im Magazin. Aber wer weiss, vielleicht erlebt das Steinstossen im Appenzellerland ja eine Renaissance, wenn junge Männer wieder auf den Geschmack kommen. Denn immerhin werden leichtere Steine bis heute beispielsweise am Herisauer Obetschwinget sowie an der Schwendener Chilbi (Setterebolle) in Appenzell gestossen. Erfahrung mit dem schweren Exemplar sammelte Bobpilot Beat Hefti, der 2013 am «Eidgenössischen» in Burgdorf teilnahm.

Für das morgige UnspunnenFest in Interlaken ist zudem ein Appenzeller Steinstösser angemeldet: der Innerrhoder Stefan Koller. Jeder Wettkämpfer hat zwei Versuche, wobei der bessere gewertet wird. Die drei besten qualifizieren sich für den Finaldurchgang und dürfen am Sonntagnachmittag in der Arena antreten.

www.unspunnen-schwinget.ch