HERISAU: Stolperfalle Werbeschild

Mit Reklametafeln auf den Trottoirs versuchen Restaurant- und Ladenbesitzer Kundschaft anzulocken. Für Sehbehinderte bergen die Schilder ein Risiko.

Alessia Pagani
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Schilderwildwuchs gegenüber der reformierten Kirche in Herisau: Noch sieht Walter Scheller das Hindernis.

Schilderwildwuchs gegenüber der reformierten Kirche in Herisau: Noch sieht Walter Scheller das Hindernis.

Alessia Pagani

alessia.pagani@appenzellerzeitung.ch

Wochentags in Herisau: Überall auf den Trottoirs stehen Werbetafeln von Restaurants und Verkaufsläden. An der Bahnhofstrasse stehen sie fast alle zehn Meter, an der Oberdorfstrasse oder an der Kasernenstrasse dasselbe Bild. Hier wirbt ein Bücherladen um Kundschaft, dort ein Restaurant und wieder einige Meter weiter ein Optikergeschäft. Selbst auf einer Verkehrsinsel prangt ein Exemplar. Aufgefallen ist der Schilderwald auch Walter Scheller. Der Herisauer ist mit seinen 71 Jahren noch gut zu Fuss. Fast täglich macht er mit seiner kleinen Yorkshire-Terrier-Hündin Spaziergänge im Dorfzentrum von Herisau. «Ich begreife die Laden- und Restaurantbesitzer, die das machen. Bis vor kurzem noch sind mir all die Schilder nicht aufgefallen. Ich habe nie ­einen Gedanken daran verschwendet», so der Herisauer. Bis zu jenem Tag, als er mit einem Kollegen aus Rapperswil die Bahnhofstrasse entlang flanierte. Der Gast aus dem St. Gallischen ist stark sehbehindert, fast blind, und auf einen Blindenstock an­gewiesen. Er hat Walter Scheller auf den Schilderwald aufmerksam gemacht. «Ein Sehender achtet nicht darauf.» Scheller wünscht sich, dass Ladenbesitzer fortan häufiger an die Sehbehinderten denken. «Ich mache niemandem einen Vorwurf. Aber damals auf dem Spaziergang ist mir das aufgefallen. Ich frage mich einfach, warum die Schilder auf das Trottoir gestellt werden müssen.»

Für Scheller könnte die Sachlage alsbald brisanter werden. Vor einigen Jahren starb sein Sehnerv ab. Von einem Tag auf den anderen erblindete der Pensionär auf einem Auge. Und auch sein zweites Auge hat nur noch eine Sehstärke von weniger als 60 Prozent. «An manchen Tagen sehe ich besser, an anderen ist es schlimm. Dann verlasse ich das Haus nicht mehr.» Autofahren darf Scheller wegen seiner Sehschwäche nicht mehr.

Aktiv auf Ladenbesitzer zugegangen

Rechtlich gesehen gibt es in Herisau kaum Hürden, solche Schilder zu platzieren. Die Benutzung des Trottoirs für Werbung ist explizit erlaubt. Bewilligungen sind nicht notwendig. Die Lokalbesitzer wissen allerdings von den von der Gemeinde festgelegten Spielregeln. «Vor einigen Jahren wurde den Ladenbesitzern ein Merkblatt abgegeben. Damit versuchen wir etwas Ordnung in den Beschilderungswald zu bringen. Darin steht, wie wir es wollen und was nicht geduldet ist», sagt Guido Lüchinger, Abteilungsleiter Tiefbau. Demnach muss zwangsläufig eine Durchgangsbreite von mindestens 1,5 Metern und eine Durchgangshöhe von 2,5 Metern frei bleiben. Verboten sind Schilder und Werbestände entlang der Fahrbahn. «Herumfliegende Teile könnten bei einem Verkehrsunfall die Passanten gefährden», so Lüchinger. Er versteht, dass die Schilder von manchen Sehbehinderten als Stolperfalle wahrgenommen werden. «Das Thema ist sehr aktuell, zumal man mancherorts schon fast von Wildwuchs sprechen kann. Wir befinden uns in einer Aufwärtsspirale.» Fange ein Gewerbler an, würden andere nachziehen. Als Behörde stehe man diesbezüglich in einem Konflikt. «Einerseits wollen wir gewerbefreundlich sein, andererseits muss auch auf die Passanten Acht gegeben werden», so Lüchinger. «Wir haben diesbezüglich eine weniger strikte Regelung als beispielsweise die Stadt St. Gallen», bestätigt Gemeinderätin Regula Ammann-Höhener. «Das Appenzellerland hat eine grosszügige und liberale Haltung.» Falls immer möglich, würden sie nicht gegen solche Schilder vorgehen. «Das Gewerbe ist für uns wichtig.»

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