HERISAU: Prager Zemlinsky-Streichquartett spielte in Herisau

Das renommierte Zemlinsky-Streichquartett aus Prag präsentierte mit Engagement und Virtuosität emotionale Kammermusik der tschechischen und deutschen Romantik.
Ferdinand Ortner
Das Prager Zemlinsky-Quartett begeisterte mit Delikatessen der tschechischen Musik. (Bild: Ferdinand Ortner)

Das Prager Zemlinsky-Quartett begeisterte mit Delikatessen der tschechischen Musik. (Bild: Ferdinand Ortner)

Ferdinand Ortner

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Zu einem delikaten Event für Kammermusikfreunde gestaltete das tschechische Zemlinsky- Quartett sein Gastspiel im vollbesetzten kleinen Casino Saal und gab einen tiefen Einblick in das Wesen der folkloristisch geprägten slawisch-böhmischen Musik.

Das von romantischer Klangschönheit, Melancholie und Virtuosität geprägte Konzertpro-gramm offerierte meisterliche Streichquartette aus dem 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert, und zwar von den beiden Tschechen Leos Janácek (1854 bis 1928) und Antonin Dvorák (1841 bis 1904) sowie von Robert Schumann (1810 bis 1865).

Ausgewogene klangliche Balance

Das 1994 gegründete Prager Streichquartett – die Violinisten Frantisek Soucek und Petr Strizek, der Bratschist Petr Holman sowie der Cellist Vladimir Fortin – präsentierte sich in optimaler Verfassung: höchst kompetent, spieltechnisch perfekt und ungemein ausdrucksstark. Im Ensemblespiel beeindruckten die brillante Spielkultur, der klangvolle Sound und die ausgewogene klangliche Balance. Es war faszinierend, wie die künstlerischen Intentionen im persönlich-direkten Zugang zur Musik sowie im Erfassen der inhaltlichen Dimensionen der Werke und dem Ausloten der emotionalen Elemente nahtlos zum gemeinsamen Wollen verschmolzen. Sehr eindrucksvoll das temperamentvolle nahtlose Zusammenspiel und die Intensität des Vortrags.

Schon zu Konzertbeginn bei Schumanns Streichquartett in a-moll, op. 64, Nr. 1 (1842) – einem Beispiel klassisch-romantischer Kammermusik – konnte das Künstlerensemble bei den überaus kurzen Themen und Sequenzen sowie den überraschenden rhythmischen Einschüben seine enorme Sensibilität, Klangsinnlichkeit und Virtuosität wirkungsvoll ausspielen. Nach dem kraftvollen, bewegten Kopfsatz liess das leichtfüssige «Scherzo» mit dem effektvoll musizierten Intermezzo aufhorchen. Als subtile musikalische Perle mit blühenden Kantilenen erwies sich das romantisch-kantable «Adagio». Im rhythmisch kontrastierenden Finale setzte das Quartett einen thematisch markanten Schlusspunkt.

Musik voller Leidenschaft

Dramatische Programmmusik voller Leidenschaft – inspiriert durch die fesselnde Novelle «Die Kreutzersonate» des russischen Dichters Leo Tolstoj – erlebten wir beim Streichquartett Nr. 1 (1923) von Leos Janácek. In dieser Tondichtung, in welcher der Komponist die Ehetragödie einer armen gequälten Frau schildert, verzichtete er auf die überlieferte Form der klassischen Streichquartette und entwickelte in den vier kontrastreichen Sätzen aus einem expressiven Motiv heraus viele mosaikartig aneinandergereihte Themen und Melodien. Jähe Stimmungs- und Tempowechsel, herbe Klangbilder und emotionale Ausbrüche unterstrichen die subjektive Aussage des Komponisten.

Die Faszination eines ungemein lebensbejahenden Werkes – eines Feuerwerks melodiöser und rhythmisch betonter böhmischer Musik – genossen die Zuhörer beim Streichquartett Nr. 13, op. 106 (1895) von Antonin Dvorák, das schon im Sonaten-Kopfsatz mit Lebensfreude und einer Fülle von Naturmotiven tief beeindruckte. Bei diesem Ideenreichtum und rhythmischer Vitalität demonstrierten die Musiker delikates Ausdrucksvermögen mit exzellenten solistischen Glanzlichtern. Auch das sehnsuchtsvolle, farbige «Adagio» – ein musikalischer Höhepunkt – mit dem ständigen Wechsel zwischen Dur und Moll und den kulminierenden orchestralen Klangfantasien gelang exzellent. Als kontrastierendes, typisch tschechisches Tanzstück – mit viel Esprit gespielt – erwies sich das brillante «Scherzo». Krönendes musikalisches Highlight war die feurige Interpretation des ideenreichen und vitalen Finales – einer begeisternden Rückblende auf die «Seele der tschechischen Musik».

Das jubelnde Publikum wurde mit der Zugabe des fulminanten Finales von Dvoráks berühmtem «American»-Streichquartett belohnt.

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