HERISAU: Kultur rückt Muckis auf die Bude

Die Kulturlandsgemeinde gastierte dieses Jahr im Sportzentrum. Aber man hätte eigentlich in eine neue Welt eintauchen sollen. Am Samstagabend verlieh die Stiftung Erbprozent ihre ersten Preise – per Los an Nadja Zela und Band sowie «Chris Cadillac».

Patrik Kobler
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An der ersten von drei Diskussionsplattformen nahmen Stina Werenfells, Iouri Podladtchikov, Heidi Eisenhut (Moderation), Bruno Wiederkehr und Roger Gassert teil. (Bild: Michel Canonica)

An der ersten von drei Diskussionsplattformen nahmen Stina Werenfells, Iouri Podladtchikov, Heidi Eisenhut (Moderation), Bruno Wiederkehr und Roger Gassert teil. (Bild: Michel Canonica)

Patrik Kobler

patrik.kobler

@appenzellerzeitung.ch

Um Himmels willen, wer kam bloss auf die Idee, die Kulturlandsgemeinde im Sportzentrum durchzuführen? Es ist das Volkshaus von Herisau – die Kulturlandsgemeinde hingegen die Zusammenkunft einer Handvoll Schöngeister. Wenn dann auch noch ein Künstler für teures Steuergeld mit 400 Sperrholzstangen den Eingang versperrt, ist fertig lustig. Dann muss die Feuerpolizei herbeieilen und eine Schneise in den sogenannten Klangwald schlagen. Das erinnert an den Sketch, in dem ein Wirt sagt: «Wer Fichtennadeln riechen will, soll in den Wald gehen und nicht auf mein WC.»

Wer Vögel zwitschern hören will, soll in den Wald gehen und nicht ins Sportzentrum. Wobei – Hand aufs Herz – bedauerlicherweise raubte die Schneise dem Klangwald die Poesie. Fast so, wie wenn Silvesterchläuse aus Lärmgründen nicht mehr schellen dürften. Als man sich Anfang Woche noch durch den Wald hindurchschlängeln musste, war der Effekt ein anderer am Samstagmorgen. Statt «langsam in eine neue Welt einzutauchen» (Mitorganisatorin Margrit Bürer), gelangte man nun durch das Lattenspalier hindurch in die Halle. Zur Eröffnung der Kulturlandsgemeinde hatten sich wie erwartet eine Handvoll Leute in der Halle eingefunden – vielleicht hundert – in der Mehrzahl «ergraute SRF-2-Hörer» (Abendmoderator Bruno Bieri). Der Anlass stand in diesem Jahr unter dem Motto «grösser, glücklicher, gerechter» (s. auch gestrige Ausgabe der «Ostschweiz am Sonntag»).

Podladtchikov: «Ich ge­niesse kleine Fehler»

Gemäss Stiftungsratspräsident Hannes Göldi sollte unter anderem diskutiert werden, ob es gut ist zu streben und wann das Optimieren ins Negative fällt. Prominenter Teilnehmer der ersten Diskussionsrunde war Olympiasieger Iouri Podladtchikov – ein eigenwilliger und gleichzeitig interessanter Gesprächspartner. Weil er immer wieder nach Worten suchte, verschleppte er das Tempo, dafür blieben seine Aussagen haften. Etwa: «Leute, die alles optimieren, sind oft unanständig.» Oder dass ihm Perfektionismus nicht wichtig sei und er kleine Fehler geniesse. Insgesamt gab es bis gestern Mittag drei Diskussionsplattformen, eine Sonntagsrede von Laura de Weck sowie Werkstätten. Das Biografie-Kopf-Herz-Training war im Fitnessraum einquartiert, Vermögens- und Farbberatungen in den Sportlergarderoben. Mark Riklin lud beim Pausentee zum Anfertigen einer «Not-to-do-Lis­te». Für diese wurde nach Sachen gesucht, die man ersatzlos aus dem Alltag streichen kann. Das könnten beispielsweise Vorur­teile gegenüber der Kulturlandsgemeinde sein. Klar ist sie für ­viele etwas Ungewohntes, aber das macht sie auch interes- sant.

Die Kulturlandsgemeinde ist eine Horizonterweiterung. Wenn am Abend an der ersten Preisverleihung der Stiftung Erbprozent – eine Idee, die aus der Kulturlandsgemeinde heraus entstanden ist – plötzlich Französisch parliert wird, gewinnt das Appenzellerland an Weite. Einer der Geförderten, Nachwuchsautor Romain Buffat, sprach gar von einem Wunder. «Am Morgen habe ich noch in Lausanne meine Wohnung geputzt und Wäsche gewaschen. Jetzt bin ich in Heris­au und spreche auf Deutsch.» Wo andernorts über Frühfranzösisch und das Auseinanderdriften der Landesteile diskutiert wird, wird hier das Verbindende zelebriert. Das ist cool. Und auch, dass die Kulturlandsgemeinde im Sportzentrum gastierte, hatte etwas Verbindendes. Die Schöngeister verschanzten sich nicht im Museum, um unter sich zu bleiben. Jeder konnte die Kulturlandsgemeinde besuchen. Aber eben: Es gibt Schneisen – im Wald und in Köpfen.