HERISAU: «Gottesdienste sind überfüllt»

Einst hat Paul Hinder im Gymnasium Appenzell die Schulbank gedrückt. Heute ist er Bischof auf der Arabischen Halbinsel. Am Freitag referiert er im Pfarreiheim über seine Erfahrungen mit dem Islam.

Patrik Kobler
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Plant, in die Schweiz zurückzukehren: Bischof Paul Hinder wird bald 75 Jahre alt. (Bild: Andrea Stalder)

Plant, in die Schweiz zurückzukehren: Bischof Paul Hinder wird bald 75 Jahre alt. (Bild: Andrea Stalder)

Patrik Kobler

patrik.kobler

@appenzellerzeitung.ch

Was führt den «Bischof von Arabien» nach Herisau?

Die Pfarrei Herisau führt aus ­Anlass ihres 150-jährigen Bestehens eine Vortragsreihe durch. Ich wurde dafür angefragt und habe zugesagt, weil ich es mit anderen Terminen gut kombinieren konnte.

Wie lebt es sich als Christ im Herzen des Islams?

Ich habe meinen Wohnsitz in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, deren Einwohner zu mindestens 75% aus Ausländern bestehen. Das öffentliche Leben ist stark vom Islam geprägt. Dank einer Politik der Toleranz und gegenseitigen Achtung lebt es sich in diesem Land gut.

Wie kommen Muslime und Christen miteinander zurecht?

Wir leben in einem muslimischen Land. Damit ist auch die Rangordnung vorgegeben. Die Christen – ausnahmslos Ausländer aus allen Teilen der Welt – werden respektiert und haben auch ihre Stätten für den Gottesdienst (Kirchen). Im Alltag ist das Verhältnis untereinander recht gut, weil beide Seiten die Verhaltensregeln kennen. Seit bald zwei Jahren ­ gibt es übrigens ein Gesetz, das ­Diskriminierung aus religiösen Gründen untersagt.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich als Bischof konfrontiert?

Als Bischof habe ich in erster Linie dafür zu sorgen, dass eine bestmögliche pastorale Betreuung unserer Gläubigen garantiert ist. Das erfordert sorgfältige Planung, weil das Seelsorgepersonal fast ausschliesslich aus andern Ländern rekrutiert werden muss. Die Errichtung von Gottesdienststätten und Schulen erfordert grosse finanzielle Mittel, die von den Gläubigen erbracht werden. Hinzu kommen die Verhandlungen mit den Regierungsstellen, wenn es um die entsprechenden Baugenehmigungen geht. Da alle unsere Gläubigen Migranten sind, die in der Regel nur für eine beschränkte Zeit im Land sind, führt dies zu besonderen seelsorgerlichen Herausforderungen in der Begleitung von Menschen, die entwurzelt und oft von ihren Familien getrennt leben. Viele kämpfen zudem finanziell ums Überleben, was für das soziale Engagement der Gemeinden eine zusätzliche Herausforderung bedeutet.

Die Katholische Pfarrei Herisau feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum. Wie muss man sich eine typische Pfarrei in Ihrem Bistum vorstellen?

Eine typische Pfarrei in mei­- nem Bistum ist international und mehrfarbig. Englisch ist ­ zwar die gemeinsame Verstän­digungssprache, doch werden Gottesdienste auch in vielen ­ anderen Sprachen gefeiert. Da die Anzahl Kirchen für die ­grossen und grossflächigen ­Pfarreien viel zu klein ist, sind unsere Gottesdienste meist überfüllt, obwohl wir über das Wochenende (Freitag bis Sonntag) zum Beispiel in Dubai weit über 20 Gottesdienste feiern, die meisten von ihnen mit wenigstens 2500 Gläubigen. Nebst dem grossen Engagement von Laien, stehen in den grossen Pfarreien jeweils mehrere Priester verschiedener sprachlicher Herkunft zur Verfügung.

Sie haben also überfüllte Kirchen. Und bei uns werden die leeren Kirchen beklagt.

Hier haben wir tatsächlich an vielen Orten Platznot, weshalb ich bemüht bin, gezielt an besonders kritischen Orten zusätzliche Kirchen bauen zu können. Das ist meistens ein langer Prozess, der sich über Jahre hinzieht. Unsere Gläubigen kommen mehrheitlich aus den Philippinen, Indien und anderen Ländern Asiens und Afrikas, wo die Menschen religiös motiviert sind. Ihr Migrantenstatus führt oft zu einer Intensivierung ihres religiösen Engagements, was dann wiederum der Vitalität unserer Gemeinden zugute kommt.

Welchen Stellenwert hat die Religion auf der Arabischen Halbinsel?

Wegen der islamischen Prägung der Gesellschaft und der sicht- und hörbaren Präsenz der Moscheen ist Religion allgegenwärtig. Das heisst natürlich nicht, dass alle – Muslime und andere – ihren Glauben immer voll praktizieren. Hingegen stelle ich fest, dass Religion hier noch den Status einer Selbstverständlichkeit hat. Die Christen müssen sich nicht verbergen, dürfen aber nicht unter den Muslimen missionieren.

Sie sind im Kanton Thurgau aufgewachsen. Gab es manchmal auch Tage, an denen Sie gerne mit Bischof Markus die Aufgabe getauscht hätten?

Meine Wurzeln sind im Thurgau. Wenn mir im Frühling jemand Fotos von der blühenden Landschaft schickt, kann ich mich eines Anflugs von Heimweh nicht erwehren. Dennoch bin ich lieber hier in Arabien Bischof als in der Schweiz. Der Grund besteht nicht darin, dass die Leute hier besser wären als in der Schweiz, sondern dass die Lebendigkeit des Glaubens hier bedeutend spürbarer ist. Die Menschen engagieren sich aktiv. Ich muss mich hier auch weniger um einen grossen administrativen Apparat und zahllose Sitzungen kümmern, sondern kann seelsorgerlich aktiv und nahe bei den Leuten sein. Im Unterschied zu anderen Weltgegenden muss ich hier manchmal sogar den Enthusiasmus der Gläubigen etwas bremsen. Das ist allerdings leichter, als einen unbeweglichen Koloss in Bewegung setzen zu müssen.

Sie reichen bald altershalber Ihre Demission ein. Kehren Sie dann in die Schweiz zurück?

Ob und wann meine in diesem Jahr fällige Demission vom Papst angenommen wird, werde ich bald nach meinem 75. Geburtstag erfahren. Vermutlich braucht der Übergang wegen der komplizierten Situation in der Golfregion etwas Zeit. Ich habe aber im Sinn, nach dem Ablauf meiner aktiven Bischofszeit hier in Arabien in die Schweiz zurückzukehren.

In Ihrer Diözese ist mit Pater Gandolf auch ein Appenzeller tätig. Welche Aufgabe hat er?

Das ist richtig. Wir kennen uns übrigens schon seit mehr als 60 Jahren, als wir beide – wenn auch nicht in derselben Klasse – am Kapuzinergymnasium in Appenzell die Schulbank drückten. Da ich die hervorragenden Qualitäten von Pater Gandolf seit langem kannte, versuchte ich ihn nach seinem Dienst in Afrika und am Zentralsitz des Ordens in Rom nach Abu Dhabi zu holen. Seit zehn Jahren ist er mir nun ein äusserst wertvoller Mitarbeitet: zuerst als Sekretär, jetzt als Vizesekretär. Zudem ist er seelsorgerlich sehr engagiert und hat ein besonderes Gespür für Menschen, die in Not geraten sind.

Hinweis

Vortrag mit Bischof Paul Hinder, «Bischof von Arabien», Freitag, 24. März, 19.30 Uhr, katholisches Pfarreiheim Herisau.