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HERISAU: Gehorsam und Drill statt Revolution

Nach 50 Jahren trafen sich ehemalige Rekruten, die einst ihre militärische Ausbildung in der Kaserne Herisau absolvierten, wieder. Eine Reunion, bei welcher das Schwelgen in Erinnerungen im Vordergrund stand.
Rudolf Steiner
Der ganze Sanitätszug mit dem Leutnant (mit Feldstecher) nach einer Schiessübung auf dem Breitfeld. (Bild: PD)

Der ganze Sanitätszug mit dem Leutnant (mit Feldstecher) nach einer Schiessübung auf dem Breitfeld. (Bild: PD)

Rudolf Steiner

redaktion@appenzellerzeitung.ch

47 junge Männer aus der Ostschweiz rückten am Montag, 5. Februar 1968, zu ihrer militärischen Ausbildung in die Sanitäts-Winter-RS in die Kaserne Herisau ein – einen Tag vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Grenoble, die erstmals am Fernsehen in Farbe ausgestrahlt wurden. Den Jünglingen aus den Kantonen Appenzell Ausser- und Innerrhoden, St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen, Zürich und Aargau standen 17 Wochen harte Lebensschule und Ausbildung bevor.

Für einige von ihnen war das Abenteuer aber bereits in der ersten Woche zu Ende, wie Arzt Rudolf Güller, der mittlerweile 78-jährige Zugführer am Treffen sagte. «Sechs Rekruten mussten wir aus medizinischen und psychologischen Gründen bereits in der ersten Woche wieder ausmustern.» Im harten Kern verblieben noch 41 junge Männer, denen 17 körperlich wie psychisch harte und anforderungsreiche Wochen – und das ohne Natel, Selfies, Facebook und fürsorglich kochenden Müttern bevorstanden. Kompaniekommandant war mit Jakob Fässler ein waschechter und äusserst autoritärer Appenzeller aus den inneren Rhoden. Aus gesundheitlichen Gründen konnte der heute 80-Jährige allerdings nicht an der Zusammenkunft teilnehmen. Der Sanitätszug von Leutnant und Arzt Rudolf Güller war einer der vier Züge der in der Kaserne Herisau stationierten III. Kompanie der Infanterie-Winter-RS 1968, die aus zwei Füsilierzügen und einem Mitrailleurzug, also insgesamt fast 200 Rekruten und den rund zwei Dutzend Unteroffizieren (Korporalen, Feldweibel und Wachtmeister), Leutnants und dem Kommandanten bestand.

Vom San Zug Güller ist heute allerdings bereits ein halbes Dutzend (darunter ein Korporal) gestorben, und ein Dutzend konnte aus diversen anderen Gründen nicht am Treffen in Herisau teilnehmen. Und für den Zürcher Johann Bantli wäre die Anreise einfach viel zu aufwendig gewesen, denn er ist vor Jahrzehnten nach Australien ausgewandert und lebt derzeit im nördlich von Sydney gelegenen Turramurra in New South Wales.

Durch Millionenvermächtnis in den Schlagzeilen

Grosse Karriere gemacht hat übrigens von den ehemaligen 68er-Rekruten keiner. Die meisten ergriffen ganz unspektakuläre und bodenständige Berufe wie Mechaniker, Landwirt, Zimmermann, Werkzeugmacher und Kantonspolizist. Eine Ausnahme war einzig Walter Enggist, der sich schon in der RS als introvertierter Einzelgänger hervortat. Einiges Aufsehen erregte er dabei vor allem nach seinem Tod im Juni 2016 in Frauenfeld. Der hochintelligente Enggist studierte nach der RS an der ETH Bauingenieur und arbeitete danach als Informatiker im Bankwesen und erwarb sich so ein ansehnliches Vermögen. Der zurückgezogen als Single lebende Einzelgänger hinterliess bei seinem Tod sagenhafte 6,3 Millionen Franken. Mangels Erben vermachte er das Vermögen dem Amt für Archäologie und der Kantonsbibliothek des Kantons Thurgau. Von ihrem erst nach seinem Ableben prominent gewordenen RS-Gspänli erfuhren aber die meisten der einstigen RS-Kollegen erst am Treffen in Herisau. Ebenfalls erst an der Zusammenkunft erfuhren die ehemaligen Sanitätsrekruten von der Karriere eines ihrer Korporale. Trotz seiner Körpergrösse von knapp über der Mindestgrösse von 150 Zentimeter absolvierte Hermann Strübi Kaderkurse und brachte es schlussendlich bis zum Major, vermutlich dem kleinsten in der Schweizer Armeegeschichte.

Eindrücklich für die 68-Rekruten war am Treffen in Herisau vor allem die Besichtigung der 2013/14 renovierten Kaserne, die nicht nur positive Erinnerungen aufkommen liess. Denn ausser dem traditionellen Standort auf dem Kreckel war an der vor vier Jahren für 37 Millionen Franken grosszügig umgebauten Kaserne praktisch nichts mehr so wie vor 50 Jahren. So machte vor allem das hinter dem renovierten Haupthaus neu erstellte Nebengebäude mit den modernen und funktionellen Verpflegungs-, Unterrichts-, Sanitäts- und Haustechnikräumen grossen Eindruck. Grosse Augen machten die 68er Rekruten dann aber vor allem, als sie unter den aktuell Dienst leistenden Rekruten gleich mehrere attraktive Rekrutinnen zusammen mit ihren männlichen Rekruten an der Arbeit erblickten. Eine Situation, die man sich trotz des damaligen gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs, den Studentenprotesten, Strassendemonstrationen und den umwälzenden Veränderungen der Gesellschaft in jener Flower-Power-Zeit nicht zu träumen gewagt hätte. In den nachfolgenden Jahrzehnten hat dann aber eine «Demokratisierung» der Schweizer Armee mit der Abkehr von preussischen Methoden wie Drill, Zugschule, Taktschritt und der Einführung vereinfachter Umgangsformen stattgefunden. Auch Uniformen und Ausrüstung wurden den modischen, militärischen und insbesondere funktionellen Weiterentwicklungen angepasst und verbessert. Von all diesen Reformen profitierten die damaligen Rekruten aber noch nicht. Es gab auch noch keinen Zivildienst, für den sich heutige Militärdienstpflichtige anstelle des bewaffneten Militärdienstes entscheiden können. Dafür herrschte strengste Disziplin, absoluter Gehorsam und Drill gemäss dem Motto: «Nach oben buckeln und nach unten treten».

So feierten auch zwei Rekruten bereits in der ersten RS-Woche ihren 20. Geburtstag, was damals noch den Eintritt in die Volljährigkeit bedeutete – allerdings ohne grosse Party – in der tristen Kaserne. Immerhin konnte der Rekrut, der am Samstag 10. Februar 20 Jahre alt wurde, im ersten Ausgang, der allerdings nur zwei Stunden dauerte, ein Bier ausserhalb der Kaserne in einem Herisauer Restaurant geniessen. Am ersten Sonntag gab es dann den ersten mehrstündigen Urlaub, der aber nur den in der näheren Region wohnhaften Rekruten erlaubte, nach Hause zu fahren. Dafür erlebten die jungen Männer mehrmals vor dem Abtreten den berüchtigten Tenufetz, bei dem der ganze Zug beim Hauptverlesen als Strafe innert einer oder zwei Minuten vom autoritären Kadi mehrmals in ihren Schlafsaal gehetzt wurde und die Kleider wechseln mussten – und das auf den Steinböden und -treppen in den damals üblichen Nagelschuhen mit dementsprechender Rutschgefahr. Ausgang gab es dann jeweils, wenn überhaupt, erst nach mehrmaliger Wiederholung. Und wenn am Outfit etwas nicht in Ordnung war, schnitten die kontrollierenden Korporäle den Rekruten als Sanktion schon mal sämtliche Knöpfe am grünen Tschoppen ab.

Allerdings wurden bei der jetzt stattgefundenen Reunion beim anschliessenden Mittagessen im Herisauer Casino vorwiegend positive Erinnerungen und Erlebnisse ausgetauscht. So gestand etwa der mittlerweile 78-jährige Zugführer und Arzt Rudolf Güller, dass es immer sein grosses Bestreben gewesen sei, seine Rekruten in den 17 RS-Wochen zu guten und kompetenten Sanitätssoldaten auszubilden, er sich aber seither vielfach vorgeworfen habe, seine ihm anvertrauten Rekruten zu streng und zu autoritär behandelt zu haben. «Mich hat mein damaliges Verhalten seither immer wieder beschäftigt und ich habe mich daher auch sehr gefreut, als ich zur Zusammenkunft eingeladen wurde und jetzt bei dieser Gelegenheit mein schlechtes Gewissen erleichtern konnte,» so Güller nach dem Mittagessen. Der ehemalige Zugführer war nach seiner Dienstzeit in Herisau mehrere Monate als Arzt für das Rote Kreuz im Bürgerkrieg in Biafra – dem heutigen Nigeria – im Einsatz und lernte so auch die schreckliche Seite des Kriegs kennen. Ebenfalls publik wurde ein spontaner, allerdings unbewilligter Ausflug eines Rekruten mit dem Militärfahrrad – damals noch mit Starrlauf und Rücktrittsbremse und ohne Übersetzungen – am Ostermontag während des KZ-Dienstes in der Verlegung in Davos auf den verschneiten und wegen zwei Meter Schnee auf der Passhöhe noch nicht geöffneten Flüelapass. Der gleiche ehemalige Rekrut gestand zudem einen Ausflug im Urlaub mit den Tourenski auf den Säntis – allerdings in der damals nicht erlaubten Zivilkleidung – und dem unverhofften Zusammentreffen mit mehreren Vorgesetzten auf dem Säntisgipfel, die ihn allerdings wegen seiner «verbotenen» Zivilkleidung gar nicht erkannten. Glücklich über das erste Wiedersehen nach 50 Jahren verabschiedeten sich die 20 ehemaligen Rekruten und Vorgesetzten mit dem Versprechen, mit dem nächsten Treffen sicher nicht noch einmal 50 Jahre verstreichen zu lassen.

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