HERISAU: Die schwierige Welt der Musik

Die Soulsängerin Nicole Bernegger nimmt als Diskussionsteilnehmerin an der Kulturlandsgemeinde teil. Sie erzählt von ihrem Werdegang und wie sie trotz Casting-Show auf dem Boden bleiben konnte.

Hanspeter Spörri
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Soulsängerin Nicole Bernegger war sich der möglichen Auswirkungen der Casting-Show «The Voice of Switzerland» bewusst. (Bild: PD)

Soulsängerin Nicole Bernegger war sich der möglichen Auswirkungen der Casting-Show «The Voice of Switzerland» bewusst. (Bild: PD)

Hanspeter Spörri

redaktion@appenzellerzeitung.ch

Um Optimierung und um Spitzenleistungen geht es an der Kulturlandsgemeinde am kommenden Samstag und Sonntag im Sportzentrum Herisau – und um deren allfälligen Schattenseiten. Mitdiskutieren wird auch Nicole Bernegger. Mit Spitzenleistungen ist sie vor vier Jahren schweizweit bekannt geworden. Im März 2013 war sie im siebten Schwangerschaftsmonat, als sie den Final der Sendung «The Voice of Switzerland» gewann.

Als ich sie in einem Café an ihrem Wohnort Birsfelden treffe, habe ich das Gefühl, sie schon seit langem persönlich zu kennen – dabei sind wir uns zuvor nie begegnet. Aber wenn Nicole Bernegger singt, exponiert sie sich mit Haut und Haaren, macht das Lied zu ihrem eigenen, wirkt dadurch verletzlich und stark zugleich. Es entwickelt sich eine Art persönliche Beziehung zwischen ihr und den Zuhörenden. «Ja, ich lebe die Lieder, die ich sin­ge», sagt Nicole Bernegger. «Es kommt vor, dass ich selbst Tränen in den Augen habe, weil ich ganz in den Emotionen drin bin.»

Casting-Show öffnete viele Türen

Sie erinnert sich gerne an «The Voice of Switzerland». Die Teilnahme an einer Samstagabendkiste im Fernsehen, an einer Casting-Show, sei für sie aber ein Risiko gewesen: «Ich hätte all meine ‹credibility›, die Glaubwürdigkeit, verlieren können.» Dann lacht sie: «Ich hatte Glück, kam nicht völlig unter die Räder, und es gingen viele Türen für mich auf.»

Jahrelang schon war Nicole Bernegger mit ihrer Band The Kitchenettes unterwegs gewesen, durchaus erfolgreich. Sie hatte sich einen Ruf als Soulsängerin erarbeitet, fiel auf mit ihrem eigenwilligen und immer prä­zisen Styling: 50er-Jahre-Dress, Pettycoat, schrille Farben, Tupfen oder Blumenmuster, schwarzer Lidstrich, getürmte Frisur mit Masche. Die 50er- und 60er-Jahre haben sie auch musikalisch geprägt. Die 1977 geborene Nicole Bernegger hörte im Elternhaus Platten von Otis Redding oder Marvin Gaye. Sie wäre gerne Lehrerin geworden. Wie ihre Eltern, begann sie, Geschichte und Germanistik zu studieren, «aber die Seele war immer bei der Musik».

Mit der Kritik umgehen können

Sie habe jedoch gewagt, einen ganz grossen Schritt zu tun – um nicht ins Bodenlose zu stürzen. Im Grunde sei sie ein einfacher Mensch. Dankbar, eine gute Familie zu haben, einen Mann, der selber Schlagzeuger sei und mit ihrem unregelmässigen Musikerinnenleben zurechtkomme, drei Kinder sowie einen zuverlässigen Freundeskreis. Das gebe ihr den nötigen Boden. «Und mich in­teressiert so vieles im Leben, ich könnte auch etwas ganz anderes machen.» Deshalb habe sie sich durch den Erfolg bei «The Voice of Switzerland» nicht den Bo­den unter den Füssen wegziehen lassen.

Aber hart wäre es schon gewesen, plötzlich im ungeschützten Rampenlicht zu stehen. Sie sei ihrem treuen Publikum dankbar, staunt aber auch über die Bosheiten in Internetkommentaren. Und das Musikbusiness erlebe sie als eine «schwierige Welt», in der man «genau wissen muss, wer man ist, um nicht unterzu­gehen. In der man auch seine Stärken und Schwächen kennen und mit Kritik umgehen können muss.»

Stimmbildung als Fundament der Karriere

Aber immer überwog die Liebe zur Musik alles andere in ihrem Leben. Schon als 14-Jährige stand sie auf der Bühne, sang solo mit dem Chor in ihrem Geburtsort Möhlin, gründete schon kurz danach ihre erste Band. Ihr Musiklehrer empfahl eine musikalische Ausbildung, die Eltern waren einverstanden, und so kümmerte sich zunächst Opernsängerin Elisabeth Weingartner um Nicoles Stimme. «Ich sang bei ihr kein einziges Lied», erinnert sie sich. «Es ging nur um Stimmbildung, um die technische Seite des Singens. Damals konnte ich das Fundament legen, das mir heute erlaubt, mit meiner Stimme rauf- und runterzuturnen, ohne dass sie dabei Schaden nimmt.»

Nicole Bernegger scheint eine Perfektionistin zu sein, die nichts dem Zufall überlässt – zugleich lässt sie der Spontaneität Raum. Ihre Songs entwickeln sich bei jedem Auftritt anders, sind auch Ausdruck der momentanen Stimmung. Und sie hat sich vorgenommen, immer «so zu singen, dass ich bei mir bleiben kann, nichts vortäuschen muss. So kann mir nichts passieren, auch wenn ich grosse Wagnisse eingehe: probieren, scheitern, aufstehen, weitergehen.»

Wagnis – das Wort kommt im Gespräch mit Nicole Bernegger mehrfach vor. Mit neuen Musikern zusammen auftreten kann ein Wagnis sein. Und natürlich sei es ein Wagnis, sich der Öf­fentlichkeit auszusetzen. Sie erwähnt dabei ihren Auftritt an der Ski-WM in St. Moritz, als sie eine Soul-Version der Nationalhymne sang – «ganz straight, ohne Schnörkel – aber ich wusste gleich, dass das nicht allen gefällt. Damit muss man leben.»

Hinweis

Für weitere Informationen:

www.kulturlandsgemeinde.ch