HERISAU: «Die Hände dreckig machen»

Am Mittwoch wurde zu einem Frauenpodium im «Cinetreff» geladen. Erinnerungen an die Einführung des Frauenstimmrechts standen im Fokus. Überdies analysierten die Rednerinnen die Geschlechterrollen.

Roger Fuchs
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Podium am Weltfrauentag im «Cinetreff Herisau»: Elisabeth Kunz, erste Ausserrhoder Kantonsratspräsidentin, Kantonsrätin Judith Egger, Moderatorin Sara Hildebrand, Regierungsrätin Marianne Koller-Bohl und Helene Aecherli, Redaktorin bei «Annabelle». (Bild: Roger Fuchs)

Podium am Weltfrauentag im «Cinetreff Herisau»: Elisabeth Kunz, erste Ausserrhoder Kantonsratspräsidentin, Kantonsrätin Judith Egger, Moderatorin Sara Hildebrand, Regierungsrätin Marianne Koller-Bohl und Helene Aecherli, Redaktorin bei «Annabelle». (Bild: Roger Fuchs)

Roger Fuchs

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@appenzellerzeitung.ch

In Sachen Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist man in der Schweiz noch nicht am Ziel. Darin herrschte am Mittwochabend auf der Bühne des «Cinetreff» Herisau Einigkeit. Bevor der neue Film «Die göttliche Ordnung» abgespielt wurde, bestritten vier Frauen unter der Leitung von Sara Hildebrand, ehemals SRF-Moderatorin, eine Podiumsdiskussion. Der rote Faden führte von Erinnerungen an den Kampf zur Einführung des Frauenstimmrechts über die bis heute herausfordernde Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern hin zur Frage, was es auf dem Weg zur Gleichstellung noch braucht.

«Den Herren auf dem Weg zur Landsgemeinde bei politischen Themen Paroli zu bieten, lohnte sich nicht», blickte Elisabeth Kunz, erste Ausserrhoder Kantonsratspräsidentin, auf jene Zeit zurück, als das Abstimmen noch den Männern vorbehalten war. Eine Situation, die bei ihr eine innere Unzufriedenheit ausgelöst habe und einen entsprechenden Einsatz für die Frauenrechte weckte. Die heutige Regierungsrätin Marianne Koller, die 1977 in den Kanton kam, war als Neuzuzügerin weniger in Frauenkreise eingebunden, die mitten im Kampf für ihr Stimmrecht standen. «Ich war folglich nicht die grosse Aktivistin, dachte aber schon, dass es an der Zeit wäre», so Koller. Kantonsrätin Judith Egger erinnert sich an ein Gefühl des Ausschlusses sowie des Fremd- und Fremdbestimmt-Seins, als sie das erste Mal die Landsgemeinde besuchte. Trotzdem habe sie nicht den Wunsch verspürt, im Ring zu stehen, das Stimmrecht hingegen hätte sie gerne gehabt.

Verlust des Patriarchalen

Helene Aecherli, Redaktorin bei der Zeitschrift «annabelle», befasst sich seit Jahren mit Genderfragen. Für sie ist klar: Damals wie heute sind Männer gefordert, ihre Rolle zu überdenken. Immer wieder beobachte sie bei ihnen die Angst vor Verlust und Kontrolle. «Genau», klinkte sich Judith Egger erneut ein. Und an der Landsgemeinde seien die Emotionen sichtbar geworden. Egger führte sodann aus, wie nach der Einführung des Frauenstimmrechts in Ausserrhoden im Jahre 1989 einige Männer den Degen über die Brücke geworfen hätten oder in den Folgejahren nicht mehr zur Landsgemeinde gingen. «Für sie war die Landsgemeinde ein patriarchaler Ort, und diesen hatten sie nun verloren», so die Kantonsrätin.

Sara Hildebrand leitete schliesslich zur Gegenwart überAABB22– in eine Zeit, in der Lohn- und Chancengleichheit immer noch nicht zufriedenstellend gelöst sind. Ein Stück weit liegt dies wohl an den Frauen selbst, wie in selbstkritischen Voten zu hören war. «Ich beobachte mit Sorge, wie wenig interessiert junge Frauen am politischen und gesellschaftlichen Leben sind», so Marianne Koller. Judith Egger forderte die Frauen auf, sich auch einmal die Hände dreckig zu machen: «Sobald es um Macht und Strategie geht, reden die Frauen schnell einmal von Spielchen und wollen nichts damit zu tun haben.» Zu schnell würden Frauen das Handtuch werfen, wenn es unangenehm werde. Helene Aecherli drehte den Spiess schliesslich um. In der Gleichstellungsarbeit sollte man sich auch einmal überlegen, inwiefern man die Denkweise bei den Männern verändern könnte. Daraufhin jedoch Marianne Koller: «Ich denke, wir müssen bei uns ansetzen. Dabei gilt: Wir müssen wir selber sein und dürfen uns bei den Männern auch nicht anbiedern.»

Letztlich funktionieren Frauen und Männer anders

Dass der gemeinsame Weg der unterschiedlichen Geschlechter herausfordernd bleiben wird, manifestierte sich in der Schlussphase. «Frauen sind sachorientiert, Männer machtorientiert», brachte es Marianne Koller auf den Punkt. Kurz darauf relativierte sie. Es liege ihr fern, gegen Männer zu sprechen, nur gemeinsam komme man vorwärts. Eggers Feststellung wiederum ist, dass Gremien häufig nach den Spielregeln der Männer funktionieren. Schon bevor eine Sitzung beginne, würden sich diese mit nonverbalem Verhalten positionieren, während sich die Frauen auf die Aufgabe konzentrierten. «Die Kommunikation bei Frauen und Männern funktioniert einfach anders», so ihre Bilanz.