HERISAU: Die Gräben sind fast überwunden

Bischof Markus Büchel und Kirchenratspräsident Koni Bruderer diskutieren an einem Podium über die Reformation und die Beziehung der beiden Landeskirchen. Sie waren sich nicht in allen Punkten einig.

Jesko Calderara
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Bischof Markus Büchel disktuierte mit Pfarrer Koni Bruderer. Patrik Kobler (rechts) moderierte den Anlass. (Bild: Jesko Calderara)

Bischof Markus Büchel disktuierte mit Pfarrer Koni Bruderer. Patrik Kobler (rechts) moderierte den Anlass. (Bild: Jesko Calderara)

Jesko Calderara

jesko.calderara@appenzellerzeitung.ch

Bei der Bedeutung des Religionsunterrichts in der heutigen Zeit waren Bischof Markus Büchel und Pfarrer Koni Bruderer, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Landeskirchen beider Appenzell, unterschiedlicher Meinung. Sie nahmen am Mittwochabend anlässlich des Reformationsjahres an einem Podium im katholischen Pfarreiheim in Herisau zum Thema Ökumene teil. «Der Religionsunterricht in der Volksschule sollte überkonfessionell sein», antwortete Bruderer auf eine Frage von Moderator Patrik Kobler, Redaktionsleiter der «Appenzeller Zeitung». Es gehe mehr darum, über Religionen zu reden. Die konfessionelle Seite müsse man dagegen aus dem Schulzimmer nehmen.

Bischof Markus widersprach dieser Auffassung. «Als Kirche wollen wir im Bildungswesen weiterhin drin sein und die christlichen Werte einbringen können.» In einer interkulturellen Schule gehe es nicht mehr darum, in eine Glaubensbeziehung reinzuwachsen. Der Religionsunterricht helfe aber als Vorbereitung zur Erstkommunion.

Individuelle Freiheit als Kernbotschaft

Einig waren sich die beiden Kirchenvertreter über die Notwendigkeit der Reformation. Die Zeit sei damals reif gewesen, dass in der Gesellschaft und der Kirche etwas geschehen musste, sagte Bischof Markus vor den rund 100 Besucherinnen und Besuchern «Die Missstände waren zuerst bei der katholischen Kirche vorhanden.» Danach habe es eine politische Bewegung gegeben. Nicht alle dieser Auswirkungen hätten sich die Reformatoren wohl gewünscht. Bruderer wies in diesem Zusammenhang auf die politischen Faktoren hin, welche die Reformbestrebungen beeinflusst haben. «Die Fürsten in Deutschland konnten sich beispielsweise von Rom abnabeln.» Dies sei ihnen gelegen gekommen. Als Kernbotschaft der Bewegung nannte Bruderer die Entdeckung des Individuums in seiner Eigenverantwortung. Für die Katholiken wiederum ist laut Bischof Markus das Glaubensbekenntnis zentral. Darin sieht er nichts Trennendes. Daran habe die ökumenische Bewegung einen erheblichen Anteil. Die Reformierten hätten jedoch ein anderes hierarchisches Amtsverständnis. Unterschiede gebe es zudem bei der Auslegung der Kirchenlehre. Für Bruderer ist dies die eigentliche Tragik der ganzen Bewegung. Denn die Reformatoren hätten gar keine eigene Kirche gründen wollen.

Auf traditionelle Werte besinnen

Im Verlauf des Abends kam die Rolle der Kirche als Friedensstifterin zu Sprache. Zwar konnte die Landteilung im Appenzellerland nicht verhindert werden. Immerhin sei sie aber unblutig erfolgt, gab Pfarrer Koni Bruderer zu bedenken. «Bei den Alt- und Neugläubigen gab es einen entsprechenden christlichen Geist.» Abgesehen davon waren laut Bischof Markus Büchel Glaubenskriege immer politisch motivierte Auseinandersetzungen. Anschliessend hob er die Bedeutung der Schweizer Armee für das ökumenische Klima hervor. Deren Kader sei jeweils aus dem reformierten Bürgertum gekommen. «Im Militär sind sie dann auf Katholiken getroffen.» Bruderer und Bischof Markus kennen sich ebenfalls aus gemeinsamen Militärzeiten.

Für Letzteren liegt heute das Problem eher darin, dass es keine Gräben mehr gibt. Manchmal würden mehr emotionale Spannungen zu katholischen Immigranten bestehen, sagt er. Jede Kirche müsse sich auf ihre Traditionen und Wurzeln besinnen. «Das ist eine gegenseitige Befruchtung.» Darin liegt für Bischof Markus die Zukunft der Ökumene. Ansonsten gehe der Reichtum einer Konfession verloren. Die Katholiken hätten viel gelernt von der reformierten Kirche, betonte der Bischof. Als Beispiele nannte er den Umgang mit dem Wort Gottes und das persönlich formulierte Gebet.

Die reformierte Kirche wiederum könne von den Katholiken viel lernen über Spiritualität, Emotionalität und Rituale, sagte Bruderer.