HERISAU: Der grosse Hunger vor 200 Jahren

Die diesjährige Sonderausstellung im Museum Herisau thematisiert die letzte grosse Hungersnot im Appenzellerland. Philipp Langenegger las zur Vernissage anlässlich des Museumstags die Geschichte eines Mädchens aus Schwellbrunn.

Roman Hertler
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Kurator Thomas Fuchs serviert den Gästen die Rumfordsuppe. (Bild: Roman Hertler)

Kurator Thomas Fuchs serviert den Gästen die Rumfordsuppe. (Bild: Roman Hertler)

HERISAU. An der Vernissage am Sonntag musste niemand hungern. Thomas Fuchs, Kurator der Sonderausstellung über die Hungersnot 1816/17, reichte den zahlreichen Besuchern im Museum Herisau eine Rumfordsuppe. Oder besser gesagt, einen Rumfordbrei, basierend auf Graupen und getrockneten Erbsen. Zubereitet hat die klassische Armenspeise der Herisauer Architekt und Ausstellungsgestalter Paul Knill, der als «Luxusbeigabe» noch einige Markbeine mitgekocht hatte. Dem Brötchenteig wurde Kartoffelmehl beigemengt.

Ein Jahr ohne Sommer

«Wenn man Hunger hat, ist das sicher gut», sagte eine Besucherin, nachdem sie von der klebrig-cremigen Armenspeise gekostet hatte. Nahrhaft ist es auf jeden Fall. Das war auch der einzige Zweck der Rumfordsuppe. Thomas Benjamin, Reichsgraf von Rumford, entwickelte sie 1795 als einfache Soldatenverpflegung. Das günstig herzustellende Gericht verbreitete sich rasch über den Kontinent. Dabei herrschte in Europa nach den napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongress 1815 so etwas wie eine Aufbruchstimmung. Endlich Frieden, Wiederaufbau, Fortschritt in allen Belangen. Der Dämpfer folgte 1816, dem «Jahr ohne Sommer», das Mitteleuropa und besonders ausgeprägt Appenzell Ausserrhoden die letzte grosse Hungersnot bescherte.

Hatilis Reise

Eindrücklich von dieser Zeit berichtete der Schriftsteller Walter Rotach mit seiner Erzählung über seine Grossmutter, dem damals 13jährigen Mädchen Hatili (Kurzform für Katharina) aus Schwellbrunn. Eindrücklich war auch die Lesung dieser Geschichte durch Schauspieler Philipp Langenegger. Hackbrettler Werner Alder untermalte die Dramaturgie der Erzählung klanglich, mal laut, mal leise, mal fröhlich, mal düster und traurig. Man konnte dem armen Mädchen nachfühlen, wenn es seinen Vater verliert, der an Hunger und Kummer stirbt, wenn es dann mit zwei Brüdern die Heimat verlässt und zu Fuss ins Elsass wandert, um Arbeit zu suchen und schliesslich in einer Basler Schlosserfamilie aufgenommen wird. Die Sonderausstellung des Museums Herisau mit dem Titel «Hatili und die Hungersnot 1816/17» zeigt Zeitzeugnisse aus dem Appenzellerland. Besonders die zahlreichen Denkschriften dokumentieren das Ausmass des Hungers im Appenzellerland. Prunkstück der Ausstellung ist ein 1817 bemalter Kasten, dessen Zeichnungen und Aufschriften sich eingehend mit der Hungerkrise auseinandersetzen. Die Menschen fragten sich nach den Ursachen für das Ausbleiben des Sommers. War es eine Strafe Gottes? Oder waren die neumodischen Blitzableiter schuld, weil sie dem Himmel Wärme entzogen und so das Klima abkühlten?

Die eigentliche Ursache konnte damals niemand ahnen: Der Vulkan Mount Tambora in Indonesien war ausgebrochen und spie dermassen viel Staub und Asche in die Stratosphäre, dass er damit Europa 1816 den Sommer nahm. Regen und Schnee vermiesten die Ernten, die Folge waren Nahrungsmittelverknappung und Preishaussen. Innert weniger Monate verzehnfachten sich bis im Frühjahr 1817 die Getreidepreise. «Es gibt Haufen von Kindern, die Gras und Kräuter weideten, Haufen von Kindern, die in Abfallkisten der Reichen nach etwas Essbarem suchten», berichtet ein Zeitgenosse. Appenzell Ausserrhoden erlebte einen einschneidenden Bevölkerungsrückrang. Kaum jemand konnte sich der Not entziehen. Sogar der Pfarrer von Hundwil soll dem Hunger erlegen sein.

Die Sonderausstellung «Hatili und die Hungersnot 1816/17» im Museum Herisau dauert noch bis Ende Jahr. Am 5. Juni findet um 10.45 eine öffentliche Führung statt. www.museumherisau.ch