HERISAU: Das Verbindende in der Teilung

Der Appenzeller Landteilungsbrief hat Gewalt verhindert, sagt Innerrhoder Landesarchivar Sandro Frefel. An der Hauptversammlung des Historischen Vereins sprach er über die Reformation im Appenzellerland.

Roman Hertler
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Sandro Frefel referiert vor den Mitgliedern des Historischen Vereins Herisau. (Bild: HRT)

Sandro Frefel referiert vor den Mitgliedern des Historischen Vereins Herisau. (Bild: HRT)

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

Es ist ein wenig erforschtes, aber höchst interessantes Stück Appenzeller Geschichte: jene rund 70-jährige Periode zwischen der Ausbreitung der Reformation bis zur Landteilung. Die Epoche war nicht wie andernorts in der Eidgenossenschaft oder in Europa von Gewalt, sondern vom Willen zum Zusammenhalt geprägt.

Darüber referierte der Innerrhoder Landesarchivar Sandro Frefel kürzlich an der Hauptversammlung des Historischen Vereins Herisau (siehe Kasten). Er selbst sei reformiert, im einst fürstäbtischen Haggen aufgewachsen, Bürger einer paritätischen Thurgauer Gemeinde, habe im reformierten Bern studiert und danach im katholischen Luzern gearbeitet. Seine Position sei also ziemlich ausgewogen, so der Landesarchivar.

Kompromissbereite Landsgemeinde

Frefel steigt mit der Betrachtung einer Ansicht des Appenzellerlandes aus dem 16. Jahrhundert ein. Im Vordergrund das Dorf Appenzell, gut sichtbar nebst Kirche sind auch das Spital, die Ziegelhütte, der Schiessstand und hinten am Hang der Galgen als Symbol der Blutgerichtsbarkeit – eines der wichtigsten Attribute politischer Unabhängigkeit im ausgehenden Mittelalter. Frefel beschreibt das Appenzellerland am Vorabend der Reformation als gut funktionierendes Staatswesen.

Auch als einige Pfarrer anfingen Luther und Zwingli zu lesen, zeigte sich die Stabilität des Landes. Natürlich fielen die neuen Ideen aus dem Wittenberg und Zürich im Appenzellerland nicht nur auf fruchtbaren Boden. Es wurde gestritten und der Rat beschloss 1524 eine Disputation abzuhalten, um ein für alle Mal zu klären, was – im Lande Appenzell – denn nun der richtige Glaube sei. Vadian war aus St. Gallen angereist, Zwingli schickte einen Vertreter, doch die Katholiken blieben der Disputation fern.

So suchte der Rat nach einem Kompromiss, den er im selben Jahr der Landsgemeinde vorschlug. Es sollte das Schriftprinzip eingeführt und nur noch gepredigt werden, was in der Bibel stand, und nicht, was die päpstliche Obrigkeit hinzufügte. Der katholische Kultus, die Priesterweihe, das Fastengebot und die Beichte sollten aber beibehalten werden. Die Landsgemeinde stimmte für den Kompromiss, hinterliess aber auf beiden Seiten Unzufriedene. So wurde an der nächsten Landsgemeinde das Kirchhöriprinzip eingeführt. Fortan konnte die Bevölkerung der Dörfer selber bestimmen, welchem Glauben sie angehören wollte. Eine sehr moderne Politik in einer Zeit, in welcher der Glaube sonst von oben diktiert wurde. So war die Reformation im Appenzellerland 1525 abgeschlossen. Ausser Appenzell und Herisau wandten sich alle der Reformation zu. Herisau wechselte erst 1529. Katholiken in reformierten Dörfern war es erlaubt, die Messe in Appenzell zu besuchen und umgekehrt. Die Landesteilung war kein Thema.

Landteilung ohne Blutvergiessen

Hinweise auf die vielfältigen Aussenbeziehungen des Appenzellerlandes gibt die Finanzierung des Wiederaufbaus der Dörfer Appenzell und Herisau, die 1559 resp. 1560 gebrannt hatten. In Appenzell half die Luzerner Patrizierfamilie Pfyffer. Allgemein pflegte Appenzell Beziehungen in die Innerschweiz, gemeinsam mit den Schwyzern war man verschiedentlich in den Solddienst getreten. Die reformierten Dörfer wandten sich hingegen eher Richtung Zürich. Doch nach wie vor funktionierte das Miteinander.

Eine Zäsur brachte das päpstliche Konzil von Trient und die Entsendung des Kapuzinerordens mit dem Auftrag, den katholischen Glauben im wankenden Europa wieder zu festigen. Die Politik in Appenzell gelangte an den Orden, der sich auch in Altdorf niedergelassen hatte, und bat ihn, auch in Appenzell nach dem Rechten zu sehen. Die Kapuziner lehnten zunächst ab, liessen sich dann aber überzeugen. Mit dem Einzug des Ordens, der zweifellos auch viel Gutes für das Dorf gemacht hatte, begann die alte Toleranz zu bröckeln. Der Zwist zwischen Katholiken und Reformierten verhärtete sich und gipfelte bekanntermassen in der Landteilung von 1597.

Geschichte der Gemeinsamkeit

Für Sandro Frefel ist der Landteilungsbrief als pragmatische Lösung zu verstehen, den religiösen Konflikt ohne Blutvergiessen beizulegen, und das in einem politischen Klima, in dem Europa auf den Dreissigjährigen Krieg zusteuerte. Die Gemeinschaft, die sich in der Landsgemeinde und in einer gemeinsamen Befreiungstradition um Ueli Rotach und die Schlacht am Stoss manifestierte, hatte das Band zwischen Katholiken und Reformierten lange zusammengehalten. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein redeten sich die Ratsherren der beiden Rhoden noch als «Mitlandleute» an. So ist die Geschichte der Landteilung eben auch eine Geschichte der Gemeinsamkeit.