HERISAU: Brillanz und Klangzauber

Die bulgarische Pianistin Marietta Petkova begeisterte beim fünften Casino-Konzert mit einem Klavier-Rezital mit verschiedenen Spitzenwerken.

Ferdinand Ortner
Drucken
Teilen
Marietta Petkova bot den Besuchern im Casino einen denkwürdigen Abend. (Bild: FO)

Marietta Petkova bot den Besuchern im Casino einen denkwürdigen Abend. (Bild: FO)

Ferdinand Ortner

redaktion

@appenzellerzeitung.ch

Eines der seltenen Musikevents, die fesseln und begeistern, erlebten die zahlreichen Zuhörer im kleinen Casino-Saal in Herisau beim Konzert der international renommierten bulgarischen Pianistin Marietta Petkova.

Es war ein Klavier-Rezital par excellence, das die Weltklassepianistin mit aussergewöhnlicher Spielfreude, verblüffender Technik und spielerischer Eleganz gestaltete. Sie stellte Meisterwerken Beethovens virtuose Präludien von Alexander Skrjabin, Frédéric Chopin und Sergei Rachmaninov gegenüber.

So bot sich dem Publikum die Möglichkeit eines Vergleichs der kompositorischen Ausdrucksformen der Wiener Klassik mit dem Genre der Romantik und der russischen Nationalmusik im 19. und 20. Jahrhundert. Die Künstlerin gab sich bei aller exklusiven Virtuosität nicht als abgehobene Starpianistin, sondern imponierte – alles souverän auswendig spielend – sowohl als überragende Könnerin wie auch als sensibel gestaltende Klavierpoetin mit sympathischer persönlicher Ausstrahlung. Ihr nuancenreicher Anschlag, die blendende Fingerfertigkeit sowie die Authentizität und Strahlkraft ihres Ausdrucksvermögens kamen ihr dabei sehr zustatten.

Meisterwerke Beethovens

Schon zu Konzertbeginn zog sie das Publikum bei den fünf «Bagatellen» aus Beethovens farbigem «Bagatellen»-Zyklus, op. 126, durch ihre engagierte Spielweise und die volle Identifikation mit der faszinierenden Musik in ihren Bann. Bei diesem reifen Alterswerk brachte sie die Vielfalt seines Spätstils, die Mischung von Eigenwilligkeit und Formkraft, voll zur Wirkung. Ihre Sonderklasse bewies sie durch die aufwühlende Interpretation der ungemein vielschichtigen und zutiefst erregenden Sonate in ­f-Moll, op. 57, der «Appassionata» (die «Leidenschaftliche»). Dieses von Empfindungen und Gefühlen überquellende Meisterwerk – ein Gipfel expressiver Virtuosität – bot Extreme mit gewaltigen Aufschwüngen und tiefen Abstürzen, wie auch glühende Leidenschaft und dunkle Romantik. Nach den eruptiven Ausbrüchen im fantasiereichen Kopfsatz mit seinem dunkel gefärbten, markanten Hauptmotiv verbreitete der Variationensatz «Andante con moto» eine ruhig-feierliche Stimmung – überleitend zum turbulenten Finale, das mit wuchtigen Fortissimo-Schlägen einsetzte. Mit rasanten Steigerungen in der Presto-Coda als letztem Gipfelpunkt wurde eine wilde Jagd entfacht, die einem Höllenritt glich und eine unüberbietbare Wirkung erzielte.

Romantische Gefühlswelt und Klangzauber

Nach der Pause steigerte sich die charmante Künstlerin in einen wahren Spielrausch und konnte der Versuchung nicht widerstehen, acht Präludien aus op. 28 ihres Lieblingskomponisten Chopin – musikalische Miniaturen von kunstvollem Schliff – ins Programm einzufügen. Es war fantastisch, wie sie mit Feingefühl und immensem pianistischen Können die Facetten der romantischen Gefühls- und Klangwelt zum Leuchten brachte; so auch bei der programmgemässen «Präludium-Gala» der von Chopin inspirierten russischen Komponisten. Die 10 Präludien aus op. 11 von Alexander Skrjabin erwiesen sich als Kostbarkeiten feingliedriger Polyphonie und eines sensiblen Virtuosenstils. Von besonderem Reiz waren auch die fünf Präludien von Sergej Rachmaninow.

Bei den Interpretationen der geschmeidig gesetzten Virtuosenstücke – geprägt von slawischer Melancholie und berauschenden Klängen – lotete die Pianistin die reiche Gefühlsskala der Kompositionen aussagekräftig aus und erntete Beifallsstürme. Den krönenden Schlusspunkt des denkwürdigen Abends setzte Maria Petkova mit einer Chopin-Zugabe.