Herbstzeit – Marktzeit – Chilbizeit

Die Chilbi oder der Jahrmarkt in Gais gehörte für meine Schulkollegen und mich schon lange vor dem 2. Weltkrieg – nebst Weihnachten und dem Schulausflug – zu den aussergewöhnlichen Höhepunkten im Jahresgeschehen.

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Die Chilbi oder der Jahrmarkt in Gais gehörte für meine Schulkollegen und mich schon lange vor dem 2. Weltkrieg – nebst Weihnachten und dem Schulausflug – zu den aussergewöhnlichen Höhepunkten im Jahresgeschehen. Wenn dann am Mittwoch oder Donnerstag die eisenbereiften Budenwagen vor unserem grossen Schulhaus den Platz besetzten, roch es schon regelrecht anmächelig nach Chilbiluft. Aus dem Schulzimmer oder während der grossen Pause konnten wir dann das emsige Tun auf dem grossen Vorplatz beobachten, dabei den starken Männer zuschauen, wie die Schifflischaukel langsam aber stets in die Höhe wuchs und das Karussell mit seinen einladenden Rössli und sonst noch allerhand Besteigbarem Gestalt annahm. Später, am Sonntag und am Montag, gesellten sich dann noch Schiess- und Kasperlitheaterbuden dazu.

Verwandtschaft war Gold wert

Dass eine grosse Verwandtschaft Gold wert war, bewahrheitete sich besonders an der Chilbi. Wir Kinder waren jeweilen mehr als froh, wenn Verwandte und Bekannte an diesem Tag nach ihren Geldsäckeln kramten. Das schon war ein untrügliches und schönes Zeichen. Ein Geben und Nehmen nämlich, ein gegenseitiges freudiges Lächeln, ein «Danke vielmol» oder ein «Vergelt's Gott». Einfach wunderbar und unvergesslich. Schon 10 oder 20 Rappen waren Gold wert. Zu unserem grossen Vorteil waren wir drei Brüder in der Kirche Ministranten oder Diener am Altar. Der gütige Herr Pfarrer Kupferschmid war da regelrecht grosszügig. Wenn wir dann gerade um diese Zeit noch bei einer Hochzeit oder einer Beerdigung dienen konnten, dann gab es für jeden einen grossen Franken. Dummer- oder blöderweise war dann das Heiraten meistens gerade nicht in Mode. Auch das Sterben nicht.

Kaiser und König an der Chilbi

Dieses Fühlen und Spüren des Sackgeldes und die Wahlmöglichkeit waren einfach herrlich. Sei es dann bei den Vergnügungsbuden oder an den Verkaufsständen links und rechts der Dorfstrasse. Ich wusste meistens schon am ersten Tag, was ich mir posten wollte, verschob es aber auf den zweiten Tag. Ich genoss diese Wahlmöglichkeit. Ganz ähnlich erging es mir dann beim Hampi (Johann Baptist Rechsteiner). Er kannte die Gaiser Kinder und ihre Wünsche. Bei seinem Stand hingen oder lagen auch gar anmächelige Sachen. Mit wenigen Rappen konnte bei ihm Farbiges, Klingendes, Bleibendes und auch Süsses erstanden werden. Für das gar kurze Vergnügen an der Schifflischaukel war ich meistens zu «huslig». Bei einem Geschenkli für die lieben Eltern, so meine Überlegung, würde die Freude länger anhalten.

Freudiges Zusammentreffen

Der Jahrmarkt ist besonders für die Ausgewanderten seit Jahrzehnten eine Gelegenheit für ein freudiges Wiedersehen. Viele der Vorkriegsjahrgänger und auch Jüngere wählen diesen Tag so nebenbei als Klassentreffen. Eine spezielle Reservation in einem Restaurant für eine grosse Gruppe ist aber an diesem Tag nicht möglich – was auch nicht nötig ist. Nach dem Nachmittagskonzert in der Kirche trifft man sich einfach auf dem grossen Dorfplatz oder längs der Stände und lose in den Wirtschaften. Die Wiedersehensfreude ist jeweilen gross. Möge es in Gais, im Appenzellerland oder wo auch immer wie an den schönen Viehschauen weiterhin so bleiben.

Josef Dähler