Helden des Sports und Gestalter der Freizeit

Gestatten: Heiri, 300-Meter-Schütze des SV Stein-Hundwil. Heiri könnte auch Hans oder Heinz heissen, und von den Feldschützen Oberriet oder dem MSV Eichenwies kommen. Aber wir nennen ihn Heiri, wichtig ist nur: Heiri ist Hobbyschütze.

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Gestatten: Heiri, 300-Meter-Schütze des SV Stein-Hundwil. Heiri könnte auch Hans oder Heinz heissen, und von den Feldschützen Oberriet oder dem MSV Eichenwies kommen. Aber wir nennen ihn Heiri, wichtig ist nur: Heiri ist Hobbyschütze.

Gewehr dreimal leichter

Heiri war am 1. Shooting Masters Switzerland in Gais nicht dabei. An diesem Anlass wurden nur 16 der weltbesten 10-Meter-Luftgewehrschützen eingeladen. An den Schützenfesten, an denen Heiri teilnimmt, sind es meist mehrere hundert Konkurrenten. Wenn Heiri an ein Schiessen geht, nimmt er das klobige Sturmgewehr 57 – 6,1 Kilo schwer – vom Estrich runter und wuchtet es in den Kofferraum des Toyota. Beim Hinausgehen ruft er seiner Frau zu: «Heute musst du nichts einkaufen, ich bringe einen grossen Schinken fürs Nachtessen nach Hause.»

Wenn der Ungar Peter Sidi, Welt- und Europameister, am Shooting Masters startet, bereitet er sich wochenlang darauf vor. Sein Sportgerät – ungefähr 2 Kilo leicht – transportiert er in einem gepolsterten Koffer, nicht ohne die einzelnen Teile vorher gewissenhaft zu polieren. Kein Staubkörnchen soll die Schussbahn der leichten Munition beeinträchtigen. Die Zahl seiner Konkurrenten ist überschaubar, ihre Qualität jedoch ausserordentlich hoch. Während Heiri beim Schiessen höchstens die Kameraden vom Schützenverein Hub-Hard über die Schultern schauen, ist das Oberstufenzentrum beim Shooting Masters mit 510 Zuschauern gefüllt.

Roastbeef für die Gäste

Heiri geht ins Schützenhaus, zahlt die Teilnahmegebühr für seinen Stich und kauft die Munition. Jetzt ist Zeit für einen Schwatz oder zwei; der Kollege vom Herisauer Schützenverein frotzelt wegen des letzten Schiessens, bei dem Heiri vier Punkte hinter ihm klassiert war. «Dieses Mal bin ich besser als du», antwortet Heiri und wird darauf schmucklos in den Schiessstand kommandiert. Noch während Heiri ein paar Probeschüsse macht, wartet dahinter schon die nächste Ablösung. Zu Hause hatte Heiri vor dem Wettkampf noch einen Schwartenmagen gegessen, das ist sein Ritual vor jedem Schiessen. Bei Peter Sidi sind es die Gäste des Events, die vor dem Wettkampf tafeln. Für die VIPs gibt es Roastbeef und Rotwein, vor der Halle bildet sich derweil eine Menschenschlange. Die zahlenden Zuschauer wollen ebenfalls rein gelassen werden. In der Halle herrscht Rambazamba wie in einer Skihütte. DJ Iceman animiert die Zuschauer zum Klatschen. So ist das Publikum perfekt aufgewärmt für die Show, die kommt: Die Helden des Sports betreten die Bühne. Aus der Nebelschwade kommen sie ans Licht der grossen Bühne, das heisst: Die ersten Präsentierten bleiben nebulös, die Nebelmaschine produziert etwas gar viel Dunst. Feierlich-dramatische Klänge aus dem Lautsprecher begleiten die Cracks, wenn sie in die Halle marschieren.

Dann fünf Minuten Vorbereitung – der Appenzeller Spitzenschütze Marcel Bürge erklärt derweil als Co-Moderator, dass man vor diesen fünf Minuten schon bereit sein müsse. Die Helden schrauben an ihren Geräten, Millimeterarbeit. Es folgen zehn Minute Einschiessen. Niemand braucht einen Gehörschutz; ein Schuss ist etwa gleich laut wie ein Regentropfen. Auf der 10er-Skala ist schon eine 8 für diese Cracks sehr tief. Tiefer schiesst kaum mal jemand.

Kleine Wurst statt Schinken

Heiri hat derweil seinen Stich verhauen. Drei Zweier und – o Schmach – eine Null weist das Resultatblatt aus. Weil Heiri einen grossen Schinken versprochen hat, schiesst er den Stich nochmals. Viel mehr Erfolg hat er beim zweiten Mal nicht; als Preis winkt höchstens eine kleine Wurst. Heiris Familie muss heute auswärts nachtessen.

Peter Sidi schiesst langsam, aber präzis. Erst als Drittletzter beendet er sein Pensum. Keiner schiesst besser als der Ungar. 397 Punkte stehen nach 40 Schüssen auf der (laufend aktualisierten) Anzeigetafel. Das K. o.-Duell gegen den Vorarlberger Thomas Mathis gewinnt er klar – auch im Final setzt sich Sidi vor den Deutschen Tino Mohaupt und Beate Gauss durch. Der Weltmeister hat sich vom auch für die Cracks aussergewöhnlich lauten Publikum nicht verrückt machen lassen. Etwas mehr Angewöhnungszeit brauchte der Schweizer EM-Starter Simon Beyeler: «In der ersten 10er-Passe erreichte ich nur 96 Punkte; ich war so nervös, dass ich am ganzen Körper gezittert habe.» Für Zuschauer war dieses «Zittern» nicht registrierbar.

Auch Helden des Sports haben Nerven. Nur sieht man es ihnen nicht an, wenn sie nervös werden. Yves Solenthaler

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