Helden des Alltags: Detailhandelsfachleute der Dorfläden im Appenzellerland erleben in Coronazeiten kräftezehrende 
Arbeitstage

Der Verkauf von Lebensmitteln während der Coronakrise ist herausfordernd. Wie meistern dies die Detailhandelsfachleute?

Stephanie Häberli
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Die meisten Läden im Land bleiben vorerst geschlossen. Einzig die Geschäfte, die der Grundversorgung dienen, sind geöffnet. Darunter fallen auch die Dorfläden, deren Rolle in der Coronakrise noch wichtiger wird. Die Detailhandelsfachleute haben lange Arbeitstage, um den erhöhten Kundenandrang zu stemmen. Zudem sind sie durch die Kundenkontakte einem höheren Risiko ausgesetzt, am Virus zu erkranken. Drei Mitarbeitende aus dem Appenzellerland bieten einen Einblick in ihren herausfordernden Alltag.

Mehr Arbeit trotz kleinerem Team in Schwellbrunn

Die Folgen der Coronakrise bekommt auch Peter Raschle, Inhaber des Dorfladens von Schwellbrunn, zu spüren. «Ich habe momentan etliche Kunden, die ich bisher noch nie im Laden gesehen habe. Die Leute scheinen den grossen Läden auszuweichen und besorgen das Nötigste lieber in ihrer Nähe», sagt Raschle. Hamsterkäufe seien im kleinen Dorfladen aber eine Seltenheit. Trotzdem waren einige Güter zwischenzeitlich beim Grosslieferanten nicht verfügbar:

«Vor allem Fertigteige und Hefewürfel waren Mangelware. Diese Güter waren zwischenzeitlich beim Grosslieferanten nicht verfügbar.»

Es gibt jedoch keinerlei Grund zur Sorge. «Der Staat hat die langfristige Lebensmittelversorgung der Bürger durch Pflichtlager sichergestellt», erklärt Raschle. Obwohl die jetzige Situation mehr Personal erfordert als gewöhnlich, arbeitet der Dorfladen mit einem verkleinerten Team. «Ich habe bewusst einen Teil meines Personals freigestellt. Dies ist eine Vorsichtsmassnahme, falls jemand von uns am Coronavirus erkrankt. In diesem Fall hätten wir so noch genügend Personal und müssten den Laden nicht schliessen.»

Der Dorfladen in Schwellbrunn ist zur Zeit gut besucht.

Der Dorfladen in Schwellbrunn ist zur Zeit gut besucht.

Bild: Stephanie Häberli

Für das Abholen der Lebensmittel im Grosshandel ist eine aussenstehende Person zuständig. «So kann ich sicherstellen, dass die Warenlieferung auch im Falle einer Infektion im Ladenteam gewährleistet ist.» Auch wenn seine Arbeit momentan mehr Energie erfordert als gewöhnlich, macht Raschle seinen Job gerne.

«Natürlich könnte es irgendwann zu viel werden. Ich habe aber ein gutes Umfeld und wir stehen zusammen. So schnell wird uns die Energie schon nicht ausgehen.»

Angst davor am Virus zu erkranken, hat der Detailhändler nicht. Dies obwohl er bei seiner Arbeit mit sehr vielen Leuten in Kontakt kommt. «Ich nehme es so, wie es kommt, gross etwas daran ändern, kann ich sowieso nicht.» Um sich zu schützen, werden den Kunden Plastikhandschuhe zur Verfügung gestellt. Die Griffe der Einkaufswagen und der Körbe werden regelmässig desinfiziert. Der Inhaber ergänzt: «Nichtsdestotrotz ist es natürlich schwierig, eine Infektion alleine durch diese Vorsichtsmassnahmen zu verhindern.»

Spar in Gais mit bis zu 50 Prozent mehr Umsatz

«Bei uns im Team sind die Leute trotz der schwierigen Situation motiviert», sagt Melanie Hofstetter, die Filialleiterin des Spars in Gais. Etwas anders steht es um die Stimmung der Kunden. «Man merkt schon, dass alle etwas angespannt sind.» Hofstetter hat grosse Energiereserven und kann gut mit der schwierigen Situation umgehen. «Ich arbeite gerne etwas mehr. Nach der Coronakrise wird es dann wieder weniger laufen und wir können genügend frei machen.»

Um dem grossen Kundenansturm gerecht zu werden, arbeitet der Spar in Gais mit mehr Personal. Dies vor allem, um mit dem Einräumen der Regale nachzukommen. Denn die Leute kaufen viel. «Auch bei uns wird viel Toilettenpapier gekauft. Sogar Frischprodukte verkaufen wir bis zu 50 Prozent mehr als normal.»

Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, hat Hofstetter nicht. Dennoch hat sie einen gesunden Respekt vor der Krankheit. Hofstetter denkt in erster Linie nicht an sich selber, sondern an die Mitmenschen und an die wirtschaftlichen Folgen für den Betrieb. «Um die Risikopersonen in meinem Umfeld mache ich mir schon etwas sorgen. Ich versuche, von diesen Personen Abstand zu halten. Auch habe ich Angst um meine Mitarbeiter und davor, dass ich den Laden im Falle einer Infektion womöglich schliessen müsste.»

Hofstetter bemüht sich daher sehr, die Hygienevorschriften in ihrem Geschäft einzuhalten. Neben dem Eingang steht ein Ständer mit Desinfektionsmittel. Das Personal wird aufgefordert, Abstand zu den Kunden und untereinander zu halten. Hofstetter sagt: 

«Meine Mitarbeiter dürfen mit Handschuhen oder Mundschutz arbeiten. Letzteres möchten sie aber nicht.»

Die Infrastruktur wird regelmässig desinfiziert. Auch der Spar hat an den Kassen Plexiglaswände montiert und auf den Böden sind Markierungen angebracht, die helfen sollen, den Abstand von zwei Metern einzuhalten. Zudem weisen Plakate im Geschäft die Kunden darauf hin, wenn möglich mit Karte zu bezahlen. «Falls die Leute doch mit Bargeld bezahlen, desinfizieren wir uns danach die Hände», sagt Hofstetter.

Der Filialleiterin des Spars in Gais und ihr Team sind trotz der aussergewöhnlichen Situation motiviert.

Der Filialleiterin des Spars in Gais und ihr Team sind trotz der aussergewöhnlichen Situation motiviert. 

Bild: Stephanie Häberli 

Kundenmengen wie vor Feiertagen in Wolfhalden

«Wir haben momentan alle Hände voll zu tun», beschreibt Patrick Käppeli, der Ladenleiter des Volgs in Wolfhalden, die Situation im Geschäft. Um diesem Andrang, der vergleichbar sei mit jenem vor Feiertagen, entgegenzuwirken, arbeitet der Volg derzeit mit mehr Personal als gewöhnlich. «Gerade heute ist jemand zum Probearbeiten hier. Eine zusätzliche Arbeitskraft können wir derzeit gut gebrauchen. Vor allem beim Auspacken der Lieferungen sind wir froh um Unterstützung», sagt Käppeli. Doch auch der Volg hat mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen. Mehl und Hefe seien in letzter Zeit nur in begrenzten Mengen lieferbar. Käppeli fährt fort: 

«Ich habe letztens 60 Packungen Toilettenpapier bestellt. Davon wurden aber nur 15 geliefert.»

Zu Käppelis Kundschaft gehören auch viele ältere Leute. «Diese kaufen lieber in den kleineren Läden ein, wo weniger Leute sind.» Auch fällt ihm auf, dass die Kunden der höheren Altersgruppen eher am Morgen oder zur Mittagszeit den Laden besuchen. Laut Käppeli seien dies Zeiten, in denen es im Laden etwas ruhiger sei.

Patrick Käppeli legt grossen Wert darauf, die Hygienemassnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, in seinem Laden umzusetzten.

Patrick Käppeli legt grossen Wert darauf, die Hygienemassnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, in seinem Laden umzusetzten. 

Bild: David Scarano

Im Volg in Wolfhalden wird Wert darauf gelegt, dass sich die Mitarbeiter und Kunden angemessen vor dem Virus schützen können. «Es steht Desinfektionsmittel zur Verfügung. Zudem dürfen die Mitarbeiter auf Wunsch mit Gummihandschuhen arbeiten.» Ausserdem sind am Boden Kleber angebracht, die den Abstand, den es einzuhalten gilt, markieren. An den Kassen wurden Plexiglasscheiben montiert. Obwohl die Situation für ihn und sein Personal viel Kraft erfordert, ist der Filialleiter froh, dass er noch arbeiten kann.

«Ich freue mich aber auch, wenn wieder Normalität einkehrt.»

Angst am Virus zu erkranken hat Käppeli nicht. Etwas liegt ihm allerdings am Herzen: «Ich wünsche mir, dass alle Leute die nötige Geduld und Gelassenheit aufbringen können, um diese Zeit durchzustehen.»