Heimatsmigration zur Ferienzeit

Brosmete

Alex Baumann
Drucken
Teilen

Wer kennt das nicht? Man freut sich auf seinen längst überfälligen Urlaub, verbringt die letzten Arbeitstage im Stress, packt eiligst zusammen, fährt viele Stunden im Auto (wenn man denn fährt), kommt endlich an, bereit die Seele baumeln zu lassen, geht in Erwartung totaler Tiefenentspannung in sein Lieblingslokal und dann das: Schweizerdeutsch am Nachbartisch! Damit nicht genug, es sind auch noch Zürcher. Urlaubsfeeling ade! Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, ich habe nichts gegen Zürcher, die haben durchaus ihre Berechtigung, vor allem im Kanton Zürich, aber in meinem Urlaub haben die nichts verloren. Die plötzliche Überfremdung mit Heimat befremdet mich. Sie verfolgt einen bis in den letzten Winkel der Erde. Da müssten sich auch die Urlaubsorte einmal etwas überlegen. Die dürfen sich nämlich nicht beklagen, wenn die Touristen vor lauter Touristen plötzlich ausbleiben.

Ich erwarte von einem Urlaubsort eine gewisse Authentizität: authentische Eingeborene, die mich als Tourist ablehnen und authentisches Essen ohne fünfsprachige Speisekarte. Ja, es geht sogar so weit, dass ich in Frankreich enttäuscht bin, wenn ich auf den Gehsteigen nicht haufenweise Hundescheisse ausweichen muss. Ist das denn zu viel verlangt? Ich setze mich in der Schweiz sommertags doch auch gerne einmal in eine Fondue-Stube, damit sich die ausländischen Gäste bei uns wie zu Hause fühlen. Aber so ein Zürcher ist natürlich Gift für mich als Authentiker. Natürlich folgt sie unvermeidlich, die Fragen aller Fragen: «Sind Sie auch Schweizer?» Nein, wir sind Senegalesen und sprechen hobbymässig Appenzeller Dialekt, damit wir nicht als Senegalesen erkannt werden. Der Zürcher fühlt sich hingegen heimisch, weil er hier – anders als bei uns – nicht von ausländischem, sondern von einheimischem Billigpersonal bedient wird. ...das von ausländischen Heimatterroristen belästigt wird.

Alex Baumann

Aktuelle Nachrichten