Heimatlied? Kampfgesang?

SPEERSPITZ «Trittst im Morgenrot daher…» Unzählige Kehlen landauf und landab werden den Schweizerpsalm zu Ehren des Nationalfeiertags anstimmen. Aber wie lange wird Er noch im Morgenrot daher treten? Einigen scheint der Text nicht mehr zeitgemäss.

Sabine Schmid
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Sabine Schmid 18.12.2013 Bild: Urs Jaudas (Bild: Sabine Schmid)

Sabine Schmid 18.12.2013 Bild: Urs Jaudas (Bild: Sabine Schmid)

SPEERSPITZ

«Trittst im Morgenrot daher…» Unzählige Kehlen landauf und landab werden den Schweizerpsalm zu Ehren des Nationalfeiertags anstimmen. Aber wie lange wird Er noch im Morgenrot daher treten? Einigen scheint der Text nicht mehr zeitgemäss. Und darum sind Bestrebungen im Gange, eine neue Schweizer Nationalhymne zu suchen – natürlich verbunden mit einer interaktiven Voting-Show im Fernsehen.

Gemäss der Ausschreibung zum Künstlerwettbewerb von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft sollen Werte wie Frieden, Freiheit, Demokratie, Unabhängigkeit und Solidarität in der neuen Hymne beschrieben werden. Selbstverständlich politisch korrekt von deutsch über französisch und italienisch bis rätoromanisch. Singen wir bald «Wir, das Volk der Freiheit, leben für die Einheit. Wir gehen Hand in Hand im Schweizerland»? Oder wie wäre es mit «Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund: Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden», in Anlehnung an die Schweizer Fahne? Oder lässt sich «Wir alle, wir stehen, unser Land anzusehen und wahren in uns den Traum: dass jeder gestalten, in Freiheit sich entfalten, Geborgenheit finden kann» besser auswendig singen als die Worte Leonhard Widmers?

Auch wenn ich mich nicht als traditionalistisch sehe und nichts so sein muss, wie es immer war: Aus meiner Sicht braucht es keine neue Schweizer Hymne. Ich finde den Text vom Morgenrot und dem Alpenglühn zwar kitschig, aber passt er nicht bestens in unser Bilderbuchland mit wehenden Schweizer Fahnen auf den Bergen? Hätten wir denn eine Alternative? Einen König besingen, wie die Engländer es tun, können wir nicht. Es lebe die Demokratie! Auch vor einem Kampflied, wie die Franzosen oder die Italiener es haben, müssen wir uns hüten. Haben die Eidgenossen nicht vor 500 und 200 Jahren empfindliche Niederlagen eingefangen? Eine Zeile wie «Heimat grosser Söhne» ist, wie eine Diskussion in Österreich zeigte, auch nicht mehr zeitgemäss. Darum wurden die Töchter reingeflickt, obwohl nun die Melodie hinkt. Einigkeit und Recht und Freiheit zu besingen wäre hehr, das ist aber bereits den Deutschen vorbehalten. Da schlage ich doch die spanische Variante vor. Ihre Nationalhymne hat keinen Text. So ist wenigstens klar, warum die Fussballer bei den Länderspielen nicht mitsingen. Jedenfalls nicht, weil sie den Text nicht kennen.

@toggenburgmedien.ch