«Heimat isch, wo me sich wohlfühlt»

Am letzten Schultag vor den Sommerferien philosophieren die Buben und Mädchen der 3. Klasse vom Schulhaus Dorf in Heiden über den Begriff «Heimat». Die Hälfte der Kinder hat über einen oder beide Elternteile einen Bezug zu Heimatorten ausserhalb der Schweiz.

Monika Egli
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Das «Gespräch im Kreis»: Eine fixe Einrichtung in der 3. Klasse des Lehrers Martin Engler im Schulhaus Dorf in Heiden. (Bild: eg)

Das «Gespräch im Kreis»: Eine fixe Einrichtung in der 3. Klasse des Lehrers Martin Engler im Schulhaus Dorf in Heiden. (Bild: eg)

HEIDEN. Lehrer Martin Engler lädt seine Schülerinnen und Schüler zu einem «Gespräch im Kreis» ein. Er macht das ab und zu: Es wird dann gemeinsam nachgedacht und philosophiert – und ganz nebenbei gelernt, aufeinander zu hören, nicht vom Thema abzuschweifen, sich zu konzentrieren. Heute geht es extra wegen der Sommeraktion der Appenzeller Zeitung um den Begriff «Heimat». Der Lehrer hat seine 16 Mädchen und Buben darauf vorbereitet. Man hat den Ausdruck bereits geklärt und auf den Pulten liegen angefangene Zeichnungen zum Thema.

«…wo man lebt»

Samuel soll zusammenfassen, was die Klasse zum Begriff herausgefunden hat. «Heimat isch, wo me sich wohlfühlt, wo me gebore worde isch.» Es macht offensichtlich Spass, die Journalistin auf den neusten Stand der Erkenntnisse zu bringen: Fast alle strecken auf und wiederholen Samuels Zusammenfassung. Paul fügt allerdings noch an, dass nicht der Geburtsort, sondern das Wohlfühlen das Wichtigste sei, denn er sei in Deutschland geboren worden, aber Heimat sei für ihn die Schweiz. Natalias Mutter stammt aus Tschechien, der Vater aus Serbien, für sie ist Heimat deshalb dort, wo man lebt. Und für Ensar, dessen Eltern aus Mazedonien kommen, sind Kollegen wichtig; sie gehören zum Heimatgefühl unbedingt dazu.

Wegen der netten Familie

Als Aufgabe war den Kindern am Vortag aufgetragen worden, über den Begriff nachzudenken. Felix tat dies beim Coiffeur während des Haareschneidens, Selma besprach sich mit ihrem Mami. «Und warum fühlt man sich wohl in der Heimat?», will Martin Engler wissen. «Weil meine Cousins und Freunde hier leben», sagt Maik. «Weil man alles kennt», findet Linus. «Weil ich hier ein Haus und Haustiere und eine nette Familie habe», ergänzt Fabian. «Weil es hier schön ist», sagt Samuel. Jetzt wird es schwierig, denn hier hakt der Lehrer ein und will wissen, wie es denn wäre, wenn man an einem anderen, weniger schönen Ort als Heiden leben würde. Aber einhellig finden die Buben und Mädchen, dass auch ein weniger schöner Ort Heimat wäre. «Wir denken, für uns wäre es nicht so schön, aber wir wissen es gar nicht, weil wir nicht dort wohnen», bringt es Natalia auf den Punkt. Maik findet: «Wenigstens haben sie ein Zuhause.» Und Paul weiss: «Sie kennen sich dort aus, also ist es für sie das Gleiche wie für uns.»

«Das Beste daraus machen»

Der Lehrer setzt noch einen drauf: «Und wenn ihr plötzlich in einem anderen Land leben müsstet, was wäre anders, was würdet ihr tun?» Jonas würde sich umsehen, ob er jemanden als Freund gewinnen könnte und dann sofort ein Haus suchen. Felix ist pragmatisch, er «würde das Beste daraus machen». Und wenn Heimweh plagen würde– ein Gefühl, das gemäss Blitzumfrage drei Viertel der Kinder kennen – würde Selma schnell ein Telefonhüsli suchen, zu Hause anrufen und den Eltern den Auftrag geben, sie sofort zu holen. Samuel: «Ich würde zuerst schauen, vielleicht ist es cool. Und wenn es nicht so lustig ist, ginge ich wieder retour.» Was könnten die Gründe sein, dass so viele Menschen ihre Heimat verlassen?, stellt Martin Engler eine weitere nicht ganz einfache Frage. Leo nennt «Krieg» als Grund, Fabian vermutet, dass Tornados und Wirbelstürme schuld sein könnten, «weil sie immer wieder das Haus kaputt machen». Maik antwortet, dass es einem vielleicht einfach nicht gefällt, wo man ist, also sucht man sich einen schöneren Ort. Pauls Vater kam wegen seines Hobbies, dem Bergklettern, in die Schweiz, und Sandro vermutet, dass man auch wegen einer guten Arbeitsstelle auswandert.

Ab in die Ferien

Sie haben viel nachgedacht und herausgefunden, die Drittklasskinder aus dem Schulhaus Dorf; das Wort «Heimat» hat eine neue Dimension für sie. Aber das ist im Moment nur zweitrangig, denn – nun beginnen die Sommerferien!

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