HEIDEN: Media-Geist nach wie vor spürbar

Als die Media AG vor 25 Jahren ihren Betrieb einstellte, verlor die Vorderländer Gemeinde einen ihrer wichtigsten Arbeitgeber. Noch immer besteht zwischen den Betroffenen eine starke Verbundenheit.

Alessia Pagani
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Die Media AG beschäftigte in Heiden einst rund 200 Mitarbeitende. (Bild: PD)

Die Media AG beschäftigte in Heiden einst rund 200 Mitarbeitende. (Bild: PD)

Alessia Pagani

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@appenzellerzeitung.ch

Der Konkurs der Media AG in Heiden ruft auch heute nach 25 Jahren noch immer emotionale Erinnerungen hervor. «Für mich war die Media nicht eine Fabrik, sondern etwas Menschliches», sagt die ehemalige Mitarbeiterin Erika Stocker. «Hätte ich nicht gehen müssen, wäre ich heute noch da», ergänzt Alexandra Rossatti. Am Donnerstagabend versammelten sich im Rahmen der Ausstellung «Laufmaschen – Chance und soziale Verantwortung» ehemalige Mitarbeitende der Unternehmung im Museum Heiden zu einer Gesprächsrunde.

Kaum jemand hatte an diesem Abend keine persönliche Geschichte über das Unternehmen zu erzählen. «Die ganze Entwicklung während meiner 42 Jahre bei der Media haben mich geformt, und das Unternehmen wurde zu meinem Lebensinhalt», sagt Alfred Koller, ehemaliges Mitglied der Geschäftsleitung. Und Monika Gessler, die zusammen mit Stefan Sonderegger den Anlass moderierte, fügt hinzu: «Meine Eltern haben sich in der Media kennengelernt. Die Firma hat mein ganzes Leben geprägt.» Kaum jemand in Heiden habe keinen Bezug zur Media.

Vom Qualitäts- zum Wegwerfprodukt

Rückblick: Die Strumpfwaren­fabrik wurde 1930 mit einem Aktienkapital von vier Millionen Franken in Heiden gegründet und entwickelte sich schnell zum grössten Arbeitgeber im Appenzeller Vorderland. Waren 1930 noch 20 Arbeitende beschäftigt, stieg die Zahl im Jahr 1979 auf 201 Mitarbeitende, 171 davon waren im Betrieb beschäftigt, 11 im Verkauf und 19 Personen in der Verwaltung. In der Media AG arbeiteten stets viele Gastarbeiter, anfänglich mehrheitlich Italienerinnen und Italiener, später kamen Portugiesen und Spanier hinzu. Zeitweise waren 80 Prozent der Belegschaft Gastarbeiter. In den Spitzenjahren produzierte die Media AG jährlich 3,1 Millionen Paar Feinstrümpfe und Strumpfhosen und 2,1 Millionen Paar Socken bei einem Jahresumsatz von 16 Millionen Franken.

«Erste Probleme haben sich bereits in den 1950er-Jahren abgezeichnet», erklärt Alfred Koller. Diese gingen einher mit der Entwicklung der nahtlosen Strümpfe. Bei der Media AG wurde die Helanca-Linie lanciert. Es folgten grosse Investitionen in die Erneuerung des Maschinenparks. Da die Investitionen nicht mehr durch die Media AG getragen werden konnten, folgte eine Übernahme der Aktienmehrheit durch die deutsche ERGEE.

In den 1980er-Jahren wurde schliesslich mit der Leganza-Linie ein Qualitätsstrumpf lanciert, und erstmals wurden die Produkte exportiert. Der Aufwand für Werbung und Vertrieb stieg. «All diese Veränderungen waren ein Versuch, auf dem Markt innovativ zu sein», erklärt Alfred Koller. Strumpfhosen seien allerdings längst von einem Qualitäts- zu einem Wegwerfprodukt geworden. Der Markt sei gesättigt gewesen und die Konkurrenz gross, so Koller. «Die Marke Leganza hatte nicht mehr zur Media gepasst», bestätigt Patrizia Cartaro-Musig. Die ehemalige Exportsachbearbeiterin absolvierte 1984 bereits ihre Lehre als Kaufmännische Angestellte in der Heidler Fabrik. Ihre Eltern haben in der Strumpfwarenfabrik gearbeitet. Die Strümpfe von Media habe man zuvor in jedem Dorfladen kaufen können, die Leganza-Linie habe dort nicht mehr hingepasst, so Cartaro-Musig. Das Unternehmen kam immer mehr in Schwierigkeiten. «Es gab erste Entlassungen, aber der Zusammenhalt war geblieben», so ­Alexandra Rossatti. Im Juni 1993 schliesslich wurde über der Firma Konkurs verhängt. Vor allem für die vielen Gastarbeiter, die nie die deutsche Sprache gelernt hätten, sei die Schliessung des Betriebes und die folgende Arbeitssuche nicht einfach gewesen.

Bis zum Schluss nicht aufgegeben

Alle Betroffenen sind dankbar, dass sie bei der Media AG arbeiten durften, und blicken mit positiven Gedanken auf diese Zeiten zurück. Obwohl auch an diesem Abend Worte wie Managementversagen fallen, hat man sich mit der Schliessung abgefunden. «Man hat alles gegen das drohende Aus getan, wir hegen keinen Groll», so Erika Stocker. Der Wille sei da gewesen. «Und bis zum Schluss wollte niemand aufgeben», ergänzt Patrizia Cartaro-Musig. Man ist sich einig: Die Media AG war mehr als ein Betrieb, es war eine grosse Familie – und diesen Media-Geist spürt man im Vorderländer Dorf noch heute.

Austellung «Laufmaschen – Chancen und soziale Verantwortung, Aufstieg und Fall der Strumpffabrik Media Heiden», Museum Heiden,Mi–So 14–17 Uhr, öffentliche Führung: 27. August, 11 Uhr. Ausstellungsende 29. Oktober.