HEIDEN: Blinde helfen beim Sehen

Während dreier Jahre wandert das «Dunkelzelt» durch die Schweiz. Es soll den Menschen dabei helfen, sich in eine sehbehinderte Person hineinzuversetzen. Denn Sensibilisierung geht im Alltag oft vergessen.

Samira Hörler
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Vertrauen ist gefragt. Das «Dunkelzelt» in Heiden steht für Besucher noch bis Freitag, 25. August, am Dunantplatz bereit. (Bild: Samira Hörler)

Vertrauen ist gefragt. Das «Dunkelzelt» in Heiden steht für Besucher noch bis Freitag, 25. August, am Dunantplatz bereit. (Bild: Samira Hörler)

Samira Hörler

samira.hoerler@appenzellerzeitung.ch

Die Vision einer Gesellschaft, in der alle Mitglieder ihre Bedürfnisse erfüllen und ihre Möglichkeiten ausschöpfen können, mag optimistisch erscheinen. Doch genau dieses Ziel verfolgt die Organisation Obvita. Vor 116 Jahren gegründet, setzt sie sich heute für sehbehinderte Menschen und Personen mit psychischen Problemstellungen ein. Was sie erreichen will, ist, dass diese Menschen sich in der Gesellschaft und im all­täglichen Leben eigenständig und selbstbestimmt bewegen können.

Unterstützung in diesem Prozess wird garantiert, indem man auf der einen Seite die berufliche Integration fördert. Andererseits ist es Obvita auch ein Anliegen, den Wohnalltag zu gestalten und gerade für Menschen mit einer Sehbehinderung eine Sehberatung und -schulung anzubieten. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wiedereingliederung in den Alltag ist, dass man die Mit­menschen sensibilisiert.

Denn erst, wenn diese auf die Herausforderungen im Alltag, mit denen eine sehbehinderte Person konfrontiert ist, aufmerksam gemacht werden können, kann sich langsam, aber sicher ein Interesse und dadurch auch der Ansatz des Verstehens bilden. Sich vollständig in die Lage einer Person zu versetzten, die einen der wichtigsten Sinne teilweise oder ganz verloren hat, wird für einen sehenden Menschen schwierig. Denn auch wenn wir uns die Augen zuhalten, wissen wir, dass, sobald die Hände wieder weg sind, die Sehkraft zurückkehrt.

Um trotzdem den Diskurs zum Thema zu fördern, reist ­Obvita während der nächsten drei Jahre in der Schweiz umher und installiert an verschiedenen Plätzen das sogenannte «Dunkelzelt». Es soll simulieren, wie sich eine blinde Person im Alltag bewegt. Möglichst leise soll man sein, um sich ganz auf die auditive und taktile Wahrnehmung verlassen zu können. Begleitet von einer anwesenden Person, die mit einer Sehbehinderung lebt, tastet man sich an der Zeltwand entlang, befühlt verschiedene Gegenstände und versucht, diese zu erraten.

Geleitet von der Stimme der Begleitperson und der eigenen, übrig gebliebenen Sinne, absolviert man den Rundgang. Wenn man das Zelt wieder verlässt, ist man um einige Eindrücke reicher. Aber nicht nur das Zelt ist Teil des Projekts, sondern auch verschiedene kulturelle Anlässe in den ­jeweiligen Städten. Unter anderen werden Persönlichkeiten wie Bruno Feist, ein blinder Coiffeur, und Rosie Hörler, eine Slam-­Poetin, die Tour begleiten.

Virgil Nesax, einer der Anwesenden, erzählt seine eindrück­liche Geschichte. «Vor acht Jahren habe ich meine Sehkraft verloren. Ich wurde wegen eines Gehirn­tumors operiert. Erst später gaben die Ärzte zu, dass der Verlust der Sehkraft durch die Operation nicht nötig gewesen wäre. Anfangs hiess es auch, dass ich mein Augenlicht eventuell wieder zurückerlange.

Dem war dann aber nicht so», erklärt er. Trotzdem hat er nicht aufgegeben. «Die Unterstützung von Freunden und Familie war mir eine grosse Hilfe. Ich liess mich bei Obvita vom Zimmermann auf KV umschulen und bin jetzt bei der Sehberatung. Hier im ‹Dunkelzelt› versuche ich, den Besuchern meine Welt etwas näherzubringen». Das Zelt können auch Schulklassen besuchen. Die Schülerinnen und Schüler werden von einer Person durchs Zelt geführt. Anschliessend dürfen sie Gegenstände in Kisten ertasten und erraten, was die Gegen­stände sind. Zum Schluss wird ­ihnen eine Augenbinde umgelegt und sie dürfen sich mit einem Blindenstock in der Hand durch die Gegend bewegen.

Hinweis

Weitere Informationen findet man auf: www.Dunkelzelt.ch