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Heavy Metal als Zuflucht

In seiner Jugend in Herisau war Erich Keller ein Rebell mit Lederjacke und langen Haaren. Heavy Metal war für ihn ein Mittel zur Auflehnung gegen die Enge des Dorflebens. Die Musik habe seine Welt grösser gemacht, sagt der Historiker.
Michael Genova
Erich Keller ging im «Landhaus» in Herisau zur Schule: «Heavy Metal hat das Kaff nie verlassen.» (Bild: mge)

Erich Keller ging im «Landhaus» in Herisau zur Schule: «Heavy Metal hat das Kaff nie verlassen.» (Bild: mge)

HERISAU. Erich Keller ist ein Intellektueller. Kaum etwas deutet äusserlich darauf hin, dass er früher einmal der Leadsänger der Punkband Fear of God war. Eigentlich hätte ihn seine berufliche Karriere in die Fabrik führen sollen, als Kabelmaschinenoperateur bei Huber + Suhner. Die Lehre brach er ab – heute lebt der 46-Jährige als promovierter Historiker und Journalist in Zürich.

Keller sitzt im Café Fiore und erinnert sich an die kleine Welt, in der er aufgewachsen ist. Es war das Herisau der späten 1970er-Jahre. Die Familie kam von St. Gallen und wohnte an der Sonnenfeldstrasse, gleich neben der Kaserne. Zur Schule ging er ins Landhaus, vieles war dem Stadtjungen damals fremd: Die Bauernkinder, die barfuss zum Unterricht kamen, die sonderbaren Bräuche. Keller war ein Aussenseiter, seine Familie sozial isoliert. Zuflucht fand er in der Heavy-Metal-Musik, die damals langsam die Provinz ergriff. Er sagt: «Die Musik machte meine Welt grösser.»

«An Mentalität abgearbeitet»

Die Bands hiessen Black Sabbath, Judas Priest und natürlich AC/DC. «Die harten <Sieche> haben AC/DC gehört und ihre Töffli frisiert», sagt Keller. Er war damals ein langhaariger Rebell mit Patronengürtel. Teil einer kaum wahrgenommenen Heavy-Metal-Subkultur in Herisau. Hier wurde der erste Iron-Maiden-Fanclub der Schweiz gegründet. Eine Gruppe älterer Motorrad- und Metalfreaks nahm Keller unter ihre Fittiche – Probleme mit den Behörden folgten. Die Appenzeller Rocker trafen sich jeweils vor der Migros und beim Schwänli-Kiosk.

Das Klima war rigide, die Freiräume für Jugendliche begrenzt. «Ich habe mich an dieser Mentalität abgearbeitet», sagt Keller. An eine Episode aus der Schulzeit erinnert er sich besonders gut. Rennfahrer Clay Regazzoni gab im Café gegenüber vom Schulhaus Landhaus eine Autogrammstunde. Obwohl nur ein Fussgängerstreifen zu überqueren war, verboten die Lehrer den Schülern den Besuch. Neben dem Café war ein Plattenladen, im Schaufenster hing ein Poster von AC/DC: Eine Werbung für das 1979 erschienene Album «Highway to Hell» – der grosse Durchbruch für die Band. Unvergesslich war Keller die Schnupperlehre als Schriftsetzer bei der Druckerei Schläpfer. Am Ende kam die harte Absage: Die Haare seien zu lang, das Äussere zu ungepflegt, die schulischen Leistungen zu schlecht.

«Die Musik der Büezer»

Bisweilen konnten sich die Rocker auch durchsetzen. Einmal pro Monat fand im Sportzentrum die Eisdisco statt. Zum Abschluss des Abends spielte der DJ manchmal «TNT» von AC/DC. Erich Keller und seine Freunde stürmten das Eisfeld, spielten Luftgitarre und schüttelten wie wild die Köpfe. Die anderen schauten halb ehrfürchtig, halb verwundert zu. Erzählt Keller heute aus seiner turbulenten Jugend, tut er dies mit dem geschärften Verstand des Historikers. Er seziert, analysiert, deutet und verleiht seinem Leben dadurch einen Sinn. Heavy Metal habe das Kaff nie verlassen, sagt Keller. «Es ist die Musik der Büezer.» Im Gegensatz zur Punkmusik sei Heavy Metal eine apolitische Rebellion.

Sein Hunger nach Bildung

Nach Kellers rebellischer Phase folgte eine kreative. Er gründete die Punkband Fear of God und führte in Herisau einen kleinen Plattenverlag. «Musik war mein Weg, um aus dem Sumpf herauszukommen», sagt er rückblickend. Ein weiterer Wendepunkt war ein Auftritt von Niklaus Meienberg im Casino Herisau. «Das hat mich aus der Bahn geworfen.» Keller war tief beeindruckt vom Intellekt und der Leidenschaft des Journalisten. In jener Zeit begann er, die Musik durch Bildung zu ersetzen. Seine erste Liebe ist ihm dennoch geblieben: Noch heute ist AC/DC seine Lieblingsband – vor einigen Jahren hat auch seine 80jährige Mutter Heavy Metal für sich entdeckt. «Es kommt vor, dass sie mit aufgedrehtem Autoradio und heruntergekurbelten Scheiben durch Goldach fährt.»

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