Haushalt der Kirche ist noch gesund

Evangelisch-reformiert Ebnat-Kappel diskutiert öffentlich über die Umnutzung einer ihrer beiden Kirchen. Als Moderator und Berater steht Paul Baumann, Beauftragter Gemeindeentwicklung und Mitarbeiterförderung der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, der Kivo bei.

Olivia Hug
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Paul Baumann, Beauftragter für Gemeindeentwicklung und Mitarbeiterförderung der Evangelisch-reformierten Kirche, in seinem Büro im Verwaltungsgebäude in St. Gallen. (Bild: Olivia Hug)

Paul Baumann, Beauftragter für Gemeindeentwicklung und Mitarbeiterförderung der Evangelisch-reformierten Kirche, in seinem Büro im Verwaltungsgebäude in St. Gallen. (Bild: Olivia Hug)

EBNAT-KAPPEL/ST. GALLEN. In den 17 Jahren, da Paul Baumann bei der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche tätig ist, kam es erst ein einziges Mal vor, dass sich eine Kirchgemeinde mit dem Verkauf einer Kirche beschäftigen musste. Es handelte sich um die St. Leonhardskirche in St. Gallen, welche mittlerweile in Privatbesitz ist. Und nun berät der Beauftragte für Gemeindeentwicklung und Mitarbeiterförderung der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen die Kirchenvorsteherschaft der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Ebnat-Kappel aus Anlass seiner Beratertätigkeit im Zusammenhang mit dem Generationenprojekt «Gastliche Kirche» in eben dieser Angelegenheit: Das kirchliche Leben soll sich auf einen Ort konzentrieren und eine der Kirchen soll einer alternativen Verwendung zugeführt werden. «Der Unterschied zwischen St. Gallen und Ebnat-Kappel ist der, dass in der Stadt die Kirchgemeinde damals über den Verkauf entschieden hat und die städtische Bürgerschaft keinen grossen Einfluss nehmen konnte. In Ebnat-Kappel hat die Bürgerschaft die Möglichkeit, den Entscheid zu beeinflussen», sagt Paul Baumann. Er begrüsst es, dass die Öffentlichkeit in die Diskussion einbezogen wird: «Wenn auf kurze oder lange Frist eine Lösung für das Problem gefunden wird, so steht die ganze Kirchgemeinde dahinter. Schliesslich soll es eine Lösung im Sinne der Öffentlichkeit sein.»

Öffentlichkeit mitreden lassen

Dass am letzten öffentlichen Forum im Mai deutlich der Wunsch der Bürgerschaft hervorgegangen ist, dass die Kivo in Zusammenarbeit mit der Politischen Gemeinde nach Lösungen sucht, schätzt Paul Baumann als grossen Fortschritt ein. Denn: «Ebnat-Kappel leistet Pionierarbeit. Man kann sich auf keine Beispiele zur Umnutzung einer ländlichen Kirche stützen. Je mehr Player mitdenken und Ideen einbringen, desto eher tauchen Lösungen auf.» Nicht, dass er damit rechne, dass so schnell eine Lösung gefunden würde, was mit der «überzähligen» Kirche passieren wird. «Noch ist die Thematik neu. Die Leute sind noch nicht so offen, was die Abtretung eines Gotteshauses angeht und es steht uns ein langer Prozess bevor», meint Paul Baumann. Man müsse jedoch auch nicht etwas forcieren. Die Kantonalkirche mache keinen Druck – was sie auch nicht könne, da die kirchlichen Gebäude den jeweiligen Kirchgemeinden gehören – und die Kirchgemeinde Ebnat-Kappel selber könne theoretisch noch über 20 Jahre lang zwei Kirchen tragen. «Es stellt sich vielmehr die Frage, ob dies Sinn macht.» Investieren, so Paul Baumann, könne die Kirchgemeinde Ebnat-Kappel nicht beliebig, so lange sie Finanzausgleich erhält (2012: Knapp 305 000 Franken). Im Verhältnis zu der Zahl Kirchgemeindemitglieder, die ohnehin abnimmt, sei es nicht gerechtfertigt, «gleichzeitig zu investieren und doch das Bestehende behalten zu wollen».

Zu nahe beieinander

Ebnat-Kappel steht damit nicht alleine da. Schweizweit nimmt die Mitgliederentwicklung seit den 60er Jahren ab. Allein in der Stadt St. Gallen zählten die Kirchgemeinden 2012 mit rund 20 500 Mitgliedern ein Drittel weniger als vor 40 Jahren. In den 60 Jahren davor hat die Mitgliederzahl stetig zugenommen – weshalb überhaupt so viele Kirchen gebaut wurden. «Man nehme St. Gallen», so Paul Baumann, «da sind die meisten Kirchen gerade mal gut 50jährig.» Fakt ist, die Schere Mitglieder/Immobilien wird immer grösser. Als erstes trifft es die ländlichen Gemeinden. Nichts anderes liegt der Diskussion über die «Zwangsfusionen» zugrunde. Ebnat-Kappel bleibt hiervon zwar verschont, da die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde über 1000 Mitglieder zählt (aktuell total 2236 Mitglieder, 1990 noch 2963 Mitglieder), doch stellt sie trotzdem einen Spezialfall dar – da seit der Fusion von Kappel und Ebnat in einem Dorf zwei Kirchen stehen. Für fusionswillige Kleingemeinden könnte eine überzählige Kirche früher oder später auch zum Thema werden, sagt Paul Baumann. In St. Gallen etwa zählen die drei Kirchgemeinden Centrum, Straubenzell und Tablat derzeit 14 Kirchen und gottesdienstlich genutzte Gebäude.

Andernorts bereits zerfallen

Weil es aber noch gut 20 Jahre dauern könne, bis sich die Situation von nicht mehr benötigten oder gar zerfallenden Kirchen zuspitzt, habe die Kirche des Kantons St. Gallen noch kein koordiniertes Konzept oder eine Grundlage zur Umnutzung dieser Kirchen ausgearbeitet, auf welche sich betroffene Kirchgemeinden stützen könnten. «Es gibt Mitarbeiter der Kantonalkirche wie beispielsweise mich, die sich auf Bildungsurlaub im Ausland mit diesem Thema beschäftigten oder Vorträge besuchen», sagt Paul Baumann. Denn in anderen europäischen Ländern ist man in dieser Angelegenheit bereits um Jahre voraus. «In Holland sollen rund 2500 Kirchen leer stehen. Jede Woche werden zwei verkauft», weiss der Beauftragte Gemeindeentwicklung. Und in Frankreich, da fallen nicht mehr genutzte Gotteshäuser in sich zusammen, ohne dass sich jemand kümmert. «Bei einem Schweizer würde so ein Anblick unangenehme Gefühle auslösen, denn Kirchen sind hierzulande sehr emotional belegte Gebäudetypen», so Paul Baumann.

Kein Grund, den Teufel an die Wand zu malen: «Noch ist der Haushalt der Evangelisch-reformierten Kirche gesund. Wir jammern noch auf hohem Niveau», betont Paul Baumann. Und im Fall von Ebnat-Kappel ist er positiv gestimmt: «Solange keine Resignation aufgrund mangelnden Geldes oder mangelnder Ideen zur Umnutzung einer Kirche aufkommt, sind die Evangelisch-reformierten Ebnat-Kapplerinnen und Ebnat-Kappler auf gutem Weg.»