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HAUSÄRZTE: Ein Landarzt ist auch Unternehmer

Mosnang sucht seit einiger Zeit einen neuen Dorfarzt - vergeblich. Warum es eine ähnliche ländliche Gemeinde geschafft hat, erklärt Beat Gloor, der in Turbenthal eine Gruppenpraxis führt.
Timon Kobelt
Beat Gloor schätzt die persönliche Betreuung seiner Patienten. Seiner Meinung nach sollte sie ortsnah erfolgen. (Bild: NZZ/Karin Forrer)

Beat Gloor schätzt die persönliche Betreuung seiner Patienten. Seiner Meinung nach sollte sie ortsnah erfolgen. (Bild: NZZ/Karin Forrer)

Timon Kobelt

Seit 2012 betreibt Beat Gloor die Tösstal-Praxis AG in Turbenthal. Den 51-Jährigen hatte es 2008 vom Neuenburger Jura ins Tösstal verschlagen, um in einer Einzelpraxis Erfahrungen als Landarzt zu sammeln. Die Möglichkeit, beim damaligen Hausarzt und Besitzer der Einzelpraxis Hans Wehrli unverbindlich für eine gewisse Zeit im Anstellungsverhältnis arbeiten zu können, bezeichnet Beat Gloor als Hauptgrund, warum es ihn aufs Land gezogen hat. Doch diesen Weg beschreiten heute nicht mehr viele Ärzte.

Mieträume mindern das Investitionsrisiko

Der Ärzteverband FMH geht davon aus, dass der Schweiz rund 2000 Hausärzte fehlen, wie die NZZ letztes Jahr berichtete. Gerade die ländlichen Regionen seien besonders stark vom Hausärztemangel betroffen. Dies bekommt auch die Gemeinde Mosnang zu spüren. Die ärztliche Grundversorgung ist nicht langfristig gesichert und die Situation erhielt kürzlich eine neue Wendung, weil der langjährige Hausarzt Konrad Schiess aus gesundheitlichen Gründen momentan nicht arbeiten kann. Es sei extrem schwierig, Ärzte für die «Vision Gesundheitszentrum Mosnang» zu finden, sagt Gemeindepräsident Renato Truniger. Zum einen sei der Markt recht ausgedünnt, zum anderen zielten die Ärzte auf Anstellungsverhältnisse ab, statt unternehmerisch an der Praxis beteiligt zu sein.

Was also bewog Beat Gloor damals dazu, die Einzelpraxis seines Vorgängers zu übernehmen und später die Tösstal-Praxis AG zu gründen? «Bei der Einzelpraxis war es wie gesagt super, dass ich zunächst unverbindlich und temporär arbeiten konnte. So erkannte ich, dass mir das Hausarztwesen zusagt», sagt Beat Gloor. «Als ich mich dann 2012 dazu entschied, die Gruppenpraxis zu gründen, brauchte ich neue Räumlichkeiten. Dabei hatte ich die Möglichkeit, Mieträume zu beziehen. Das macht die Sache etwas berechenbarer, weil das Investitionsrisiko überschaubar ist», erklärt der Mediziner. Hier könnten Gemeinden attraktive Rahmenbedingungen schaffen, indem sie bei Räumlichkeiten mithülfen. «Wenn die Politik Anschubsfinanzierung leistet, Räume zur Verfügung stellt oder verschiedene Player an einen Tisch bringt, die so etwas gemeinsam leisten können, ist das sicher attraktiv für Ärzte», sagt Beat Gloor.

In diese Prozesse sollten potenzielle Ärzte involviert sein. «Ich halte es für riskant, einfach eine Praxis in einem Gebäude einzurichten, ohne dass ein Arzt in Aussicht ist», betont Beat Gloor. Weiter halte er es für entscheidend, was eine Gemeinde generell an Infrastruktur bietet und wie sie dies positioniert. «Aspekte wie Kinderkrippen, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten sind bei der Ärztesuche nicht zu unterschätzen», sagt der 51-Jährige.

Ein Arzt oder eine Ärztin sähen eine Praxis auf dem Land häufig als Familienprojekt an. Dies sei auch bei ihm der Fall gewesen. «Zudem studieren heute vermehrt Frauen Medizin, die Beruf und Familie vereinbaren wollen. Dabei hilft eine Krippe nicht nur den Müttern, sondern auch Vätern», sagt Gloor. Falls dies in einer Gemeinde möglich sei, müsse diese das bei der Suche hervorheben. «Gerade Gemeinden auf em Land sollen auch betonen, wie hoch der Erholungsfaktor bei ihnen aufgrund der schönen Natur ist», sagt Gloor.

Positionierung in Inseraten ist schwierig

Beat Gloor ist leitender Arzt und Geschäftsführer der Tösstal-Praxis AG. Zwei weitere Kollegen sind heute ebenfalls Teilhaber der Praxis und helfen bei der Geschäftsführung mit. Wie ist er bei der Suche nach Ärzten fündig geworden und will dies auch bleiben? «Es ist sicher wichtig, sein Netzwerk zu pflegen. Ich besuchte viele Anlässe unter anderem in Spitälern. Dort konnte ich einen Kollegen für die Hausarztmedizin begeistern», verrät Beat Gloor.

Des Weiteren müsse man mit jungen Menschen den Kontakt haben, vor allem für die Zukunft. «Da ich Lehrarzt an der Universität Bern bin, fällt mir dies etwas leichter», sagt der Jurassier. Er sei froh, dass er mittlerweile die Bewilligung habe, Assistenzärzte direkt in seiner Praxis auszubilden. «Das könnte ein Modell sein, das Zukunft hat», zeigt sich Beat Gloor zuversichtlich. Er hat auch einen Arzt per Inserat in die Tösstal-Praxis locken können. Allerdings sei es schwierig, sich im Pool von Inseraten mit nur wenigen Worten zu positionieren. «In meinem Fall waren die wichtigsten Schlagworte: Gemeinschaftspraxis, Anstellungsverhältnis, Teilzeitarbeit und Inhabermöglichkeit», verrät Beat Gloor.

Vom Angestellten zum Inhaber

Der Jurassier hat sich bei der Wahl der Rechtsform nicht aus einer Laune heraus für die Aktiengesellschaft entschieden. «Eine AG bietet die Möglichkeit, relativ einfach vom Angestellten zum Mitinhaber zu werden», sagt Beat Gloor. Konkret laufe dies bei ihm so ab, dass Angestellte, die Interesse haben, ihren 13. Monatslohn in Form von Aktien erhalten. «Danach ist der Schritt zum Inhaber nicht mehr allzu gross», meint Beat Gloor. Somit würden diese Personen auch in die Geschäftsführung mit einbezogen. Daher sei er zuversichtlich, dass er eine Nachfolge finden werde, wenn er in Pension gehe.

Auf seine Doppelfunktion als Geschäftsführer und leitender Arzt angesprochen, meint Beat Gloor: «Es ist effektiv ein Konflikt und die Geschäftsführung ist heute bestimmt komplizierter als vor einigen Jahren oder Jahrzehnten.» Er habe viel lernen müssen, da er während des Medizinstudiums keine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse erworben hatte. Auf diesem Weg hat er sich eng von Profis aus der Wirtschaft begleiten lassen und fand dies durchaus spannend: «Im Studium lernen wir Ärzte ja den Organismus Mensch kennen. Später habe ich dann den Betrieb als Organismus kennen- und schätzen gelernt.»

Gruppenpraxis als Standortvorteil

Beat Gloor ist überzeugt, dass eine Gruppenpraxis einen Standortvorteil für eine Gemeinde bringt, «da Hausarztbetreuung ortsnah, also in der Nähe sein muss». Das Einzugsgebiet der Tösstal-Praxis umfasst drei bis vier der umliegenden Gemeinden. Dank Teilzeitmodellen und Vertretungen könne man garantieren, dass die Praxis jede Woche fünf Tage geöffnet hat.

Dass in Turbenthal eine Gruppenpraxis entstanden ist, die offenbar funktioniert und von den Einwohnerzahlen einigermassen mit Mosnang vergleichbar ist – Turbenthal rund 4700, Mosnang rund 3000 Personen – ist der Gemeinde Mosnang nicht entgangen. Renato Truniger tauscht sich regelmässig mit einem Verwaltungsrat der Tösstal-Praxis aus, wie er sagt.

Zur Person: Beat Gloor

Der 51-Jährige Beat Gloor ist verheiratet und hat mit seiner Frau zwei Töchter im Alter von 13 und 15 Jahren. Aufgewachsen ist er im Neuenburger Jura, wo er die Matura gemacht hat. Es war für ihn von Anfang an klar, dass er Medizin studieren wollte, was er 1985 in Angriff nahm. 1996 beendete er das Studium an der Universität Bern erfolgreich. Heute ist er als Lehrarzt für die Universität tätig. Nach dem Studium hat er als Assistenzarzt in diversen Bereichen der Medizin wie Anästhesie oder Geriatrie gearbeitet. Schliesslich fungierte er drei Jahre lang als Oberarzt und musste sich zwischen einer Spital- und einer Praxiskarriere entscheiden. Schliesslich überzeugte sein Chorkollege Ruedi Wehrli Beat Gloor, mit seiner Familie nach Turbenthal zu kommen. (tik)

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