Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Hat liberale Politik eine Zukunft?

Teil II AUSSERRHODEN. Im 18. Jahrhundert ist die liberale Politik erfunden worden. Sie geht von einem freien Menschen aus, der willens ist, sein Leben verantwortungsvoll zu gestalten. Dieser Mensch will möglichst grosse Freiräume, um sein Leben nach seinem Willen zu gestalten.
Willi Eugster (Bild: apz)

Willi Eugster (Bild: apz)

Teil II

AUSSERRHODEN. Im 18. Jahrhundert ist die liberale Politik erfunden worden. Sie geht von einem freien Menschen aus, der willens ist, sein Leben verantwortungsvoll zu gestalten. Dieser Mensch will möglichst grosse Freiräume, um sein Leben nach seinem Willen zu gestalten. Erinnern wir uns an die Überlegungen zu Beginn dieses Aufsatzes. Der eigene Wille erzeugt das Gefühl von Freiheit, der fremde Wille jenes der Unfreiheit. Liberale Politik schafft Rechtskonzepte und Normen, welche den Menschen in diesem freiheitlichen Sein unterstützen. So viele Regeln wie nötig, so viel Freiheit wie möglich. Der mächtigste Grundpfeiler ist die Selbstbestimmung. Selbstbestimmung im Persönlichen, im Gesellschaftlichen, im Politischen. Diesem Modell stehen eigentlich nur zwei gegenüber: ein feudalistisches, theokratisches, diktatorisches und konservatives einerseits und ein sozialistisches andererseits. Unsere Kultur ist aus der Überwindung der feudalistischen Gesellschaftsordnung entstanden.

Die Segnungen der globalisierten Welt wie auch deren Verwerfungen werden dem Liberalismus zugesprochen. Das gilt ganz besonders für Europa. Eigentlich meint man dabei vor allem den Wirtschaftsliberalismus. Dabei muss man auch erwähnen, dass es recht unterschiedliche Modelle gibt. Beispielsweise gibt es einen deutschen Neoliberalismus, der sich nahe an einer Sozialen Marktwirtschaft bewegt. Dafür befindet sich der Neoliberalismus einer amerikanischen Ausprägung nahe an einem Marktfundamentalismus. Viele Menschen blicken etwas neidisch und mit Verwunderung auf China. Dieses Land machte in den letzten zwei Jahrzehnten eine gigantische Entwicklung durch. Die Politik in China ist ganz gewiss nicht liberal. China hat aber Marktwirtschaft zugelassen. Marktwirtschaft ist eine liberale Idee. Das war überhaupt die Voraussetzung für das Ingangsetzen der Entwicklung. Woher kommt das Know-how der Chinesen? Vermutlich zu einem geringeren Anteil aus dem eigenen Land.

Gesellschaftsordnung

In der Schweiz setzte sich im 19. Jahrhundert die liberale Politik durch. Die freie Wirtschaft ist das Credo der Schweiz. Trotzdem hat sie ein relativ dichtes Regelwerk aufgebaut, welches auf sozial schwächere Gruppen achtet, sie hat gut funktionierende Sozialwerke aufgebaut und sie hat die stärkste Einbindung der Bevölkerung am politischen Geschehen. Die Schweiz hat ihre eigene liberale Politik definiert. Diese Politik geht von der Verschiedenheit der Theorien für die Gesellschaftsordnung, von der Verschiedenheit der Menschen, vom Freiheits- und Selbstbestimmungsbedürfnis, vom Sinn für das Ganze, vom Sinn für das Gemeinsame, von der Konsensfähigkeit der politischen Akteure und der Bevölkerung sowie von der Verantwortungsfähigkeit aller Gruppen der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft aus.

Wir sind eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften dieser Welt. Es sind die liberalen Überzeugungen, welche diesen Erfolg ermöglichten. Es gibt keinen Grund für eine Abkehr vom bisherigen Weg. Oder doch?

Freiheit und Verantwortung

Freiheit ist anstrengend. Der freie Mensch entwirft seinen Pfad durchs Leben. Er entscheidet darüber, was er für wichtig und erstrebenswert hält. Er entscheidet sich für den Beruf. Er lernt immer Neues dazu. Er ist offen und aufmerksam. Er sieht sich vor.

Er evaluiert, reflektiert, bewertet und kreiert neue Strategien. Er weiss, dass er die Verantwortung trägt. Er weiss, dass er, bei dem was er tut, auch scheitern kann. Verantwortung übernehmen ist mühsam, manchmal sogar sehr unangenehm. Der freie Mensch ist mit einem starken Charakter ausgerüstet. Es genügt nicht, sich an die Gesetze zu halten, wenn man kontrolliert wird und Strafe in Aussicht gestellt ist. Die Mentalität «Lass dich nicht erwischen» ist nicht jene Haltung, welche wir mit Verantwortung verknüpfen.

Überlegen Sie, lieber Leser, ob Sie selbst den Menschen noch erkennen. Ist es nicht vielmehr so, dass immer mehr Menschen verantwortungslos handeln? Schaffen wir nicht laufend neue Gesetze, welche unseren Handlungsspielraum einschränken?

Freiheit und Gleichheit

Freiheit sehen wir als die Fähigkeit und die Möglichkeit, nach dem eigenen Willen Entscheidungen treffen zu können. Würden wir ein umfassendes Gleichheitsprinzip einführen, so gäbe es nichts mehr zu entscheiden. Es wäre bereits entschieden.

In der Politik versteht man Gleichheit allerdings in einem anderen Sinn. Allen Menschen sollen die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten zukommen. Vor dem Richter sind alle gleich. Das sind die Pfeiler der liberalen Gesellschaftsordnung.

Man kann auch denken, dass alle Menschen den gleichen Lohn bekommen sollten. Dann stellt sich aber die Frage, weshalb es denn überhaupt noch Lohn braucht. Der Staat kann doch einfach die Güter und Dienstleistungen zuteilen. Dann gibt es Zuteiler. Diese verfügen über die Güter und sind daher mächtig. So stellen wir uns Gleichheit nicht vor.

Freiheit und Gerechtigkeit

Freiheit gibt allen Menschen die Chance, das eigene Leben zu gestalten und täglich Handlungsoptionen zu entwickeln und zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu entscheiden. Dies empfinden wir als gerecht, obwohl Individualität und damit Verschiedenheit geschaffen wird. Eine komplexe Gesellschaft wie die unsrige ist auf diese Verschiedenheiten sogar angewiesen. Sie steuern je ihren Teil zum Funktionieren des Ganzen bei. Das ist das Ideal.

Leider führt Freiheit auch zu Übertreibungen, zu Fehlentwicklungen und zu Missbrauch. Dann ist das System nicht im Einklang. Wir nehmen Ungerechtigkeit wahr. Je offener eine Gesellschaft und je grösser der Wohlstand ist, umso grösser ist die Gefahr vor unerwünschten Entwicklungen. Was tun wir? Wir schaffen laufend neue Gesetze gegen Missbrauch. Damit wollen wir Gerechtigkeit wieder herstellen. Als Nebenwirkung schaffen wir Freiheiten ab.

Gibt es keine Hoffnung für die freiheitliche Gesellschaftsordnung? Doch, es gibt sie. Erstens ist die Kreativität im Entwickeln von Handlungsstrategien in einem freiheitlichen System dem Reglementieren grundsätzlich einen Schritt voraus. Zweitens ist das Bewusstsein von Freiheit nicht ausgelöscht. Drittens erfindet jede Generation wieder neu ihre Heldentaten und ihre Abgründe. Schliesslich gilt: panta rhei – alles fliesst.

Schlussfolgerung

Es gibt keine echte Alternative zum Liberalismus. Überlegen Sie bitte, in welchem System Sie leben möchten, wenn Sie zu jenen gehören, welche gerade nicht an der Macht sind? Der Konservativismus ist rückwärtsgewandt, er zementiert Vergangenes und stemmt sich gegen die Zukunft und gegen Veränderung. Der Sozialismus hat nur gescheiterte Lösungen hervorgebracht. Gleichheit ist eine Zwangsjacke. Gerechtigkeit, welche auf Gleichheit basiert, ist ungerecht.

Der Liberalismus ist ein offenes System, welches sich ständig hinterfragen und neu denken muss. Er ist oft mühsam. Manchmal ineffizient. Er ist die einzige Lösung, welche die Freiheit garantiert. Er kann Gerechtigkeit schaffen.

Den Ausgangspunkt unserer Kultur orten wir in der antiken griechischen Philosophie, welche den Menschen als denkendes Wesen begreift und ihn dem Einfluss der Götter entzieht. Unsere Lebensweise ist die Folge der Aufklärung. Sie hat aber wesentliche Orientierungsmerkmale der christlichen Ethik mitgenommen. Freiheit, Verantwortung und Gerechtigkeit. Das Trio ist doch erfolgreich!

Dr. Willi Eugster

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.