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Hat liberale Politik eine Zukunft?

Teil I AUSSERRHODEN. Lesen Sie diesen Text besser nicht! Schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit der nächsten Seite. Sie lesen doch weiter? Sie haben sich entschieden, einige Sätze in diesem Aufsatz zu lesen. Sie hätten sich anders entscheiden können.

Teil I

AUSSERRHODEN. Lesen Sie diesen Text besser nicht! Schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit der nächsten Seite. Sie lesen doch weiter? Sie haben sich entschieden, einige Sätze in diesem Aufsatz zu lesen. Sie hätten sich anders entscheiden können. Sie können noch immer oder auch später aussteigen. Das ist Ihre Freiheit. Darum geht es in diesem Text: um Freiheit.

Entscheidungsfreiheit

Wenn wir von Freiheit sprechen – was meinen wir eigentlich damit? Ist es das Ja- oder Neinsagen- oder das Mitmachen- oder Aussteigen-Können? Andere denken, dass sie unter verschiedenen Möglichkeiten auswählen würden. Wie kommen wir aber zur Entscheidung, gerade dies und nicht das andere zu tun? Haben wir abgewogen und analysiert und danach entschieden, oder sind wir einfach dem Bauchgefühl gefolgt oder haben wir es so getan, weil wir das schon immer so zu tun pflegten? Wer ist dann das Bauchgefühl? Wenn wir sorgfältig abgewogen haben, so stellt sich die Frage nach den massgebenden Kriterien. Welchem Bedürfnis sind wir gefolgt und woher kommt dieses? Haben wir dieses Bedürfnis geschaffen oder ist es einfach irgendwie da? Haben alle Menschen die gleichen Bedürfnisse?

Wunsch und Freiheit

Eine gängige Theorie besagt, dass wir dauernd Wünsche generieren. Einige Wünsche wollen wir auch realisieren. Wir bauen einen Willen auf, der ein Handlungskonzept erarbeitet und umsetzt. Ob das Gewünschte eintritt, hängt von den Fähigkeiten und den Umständen ab. In welchem Verhältnis steht die Person zum Willen? Der Wille ist Teil der Person. Wäre dem nicht so, so handelte es sich um einen fremden Willen. Den fremden Willen nehmen wir als Unfreiheit wahr. Nur der eigene Wille gibt uns das Gefühl der Freiheit.

Eigener Wille

Der eigene Wille ist nicht einfach frei. Er ist vielseitig bedingt. Wir leben in einer Welt. Diese Welt ist so und so bestimmt. Nur innerhalb dieser Bestimmungen ist der eigene Wille frei. Die Bedingtheiten sind schon im blossen Existieren sichtbar. In die Welt sind wir gesetzt worden. Über das Wollen des Lebens sind wir nicht befragt worden. Dazu wäre eine Vorexistenz nötig. Einmal in die Welt gesetzt, wollen wir leben. Diesem Willen liegt keine bewusste Entscheidung zugrunde. Das Leben-Wollen löst eine ganze Reihe von Handlungen aus, auf die wir nicht verzichten können. Auch die Endlichkeit des Daseins – womit in der Philosophie das Sein des Menschen bezeichnet wird – ist vorgegeben. Die Folge davon ist, dass wir uns dauernd um unser Leben sorgen müssen. Wir sind sehr verletzlich.

Freiheit des anderen

Haben Sie auch einmal in der Schule gelernt, dass die Freiheit des einzelnen nur so weit gehen darf, wie diese die Freiheit des anderen nicht einschränkt? Wenn sich zwei Kugeln mit gleichem Gewicht und Volumen auf ihrer Bahn so bewegen, dass sie irgendwann aufeinandertreffen, so berühren sie sich derart, dass beide ihre Bahn ändern müssen. Diese Einsicht können wir auch auf den Menschen übertragen. Wo und wie auch immer zwei oder mehr Menschen sich begegnen, werden Handlungen ausgelöst, welche genau durch diese Situation hervorgerufen wurden. Das ist eine Einschränkung. Meine Freiheitsdefinition aus der Schulzeit ist ziemlich unpräzis. Wenn also die Regel, dass die Freiheit des anderen nicht eingeschränkt werden soll, etwas taugen will, dann muss festgelegt werden, welche Einschränkungen wir für unzumutbar halten.

Die Sache mit den zumutbaren und unzumutbaren Einschränkungen ist noch ziemlich abstrakt. Es lohnt sich, wenn man sich dabei konkrete Situationen vor Augen hält.

Zumutbares und Unzumutbares

Der Betriebsleiter hat die Mitarbeitenden zusammengerufen und erläutert ihnen den neuen Konzernentscheid. Die meisten Mitarbeitenden sind davon ziemlich stark betroffen. Einige müssen sich auf veränderte Arbeitsabläufe einstellen, andere müssen den Arbeitsplatz wechseln, eine dritte Gruppe wird in eine Ausbildung geschickt und insgesamt wird die Zahl der Arbeitsplätze verringert. Derartige Ereignisse werden in unserer Gesellschaft als zumutbar betrachtet. Warum? Sie basieren auf einem ausgehandelten Regelsystem zwischen Politik und Wirtschaft. Das sind unsere Gesetze. Zweifelsohne handelt es sich hierbei um massive Einschränkungen der persönlichen Handlungsoptionen. Als Mitarbeitender in diesem Betrieb kann ich grundsätzlich die mich betreffenden Entscheidungen akzeptieren, vielleicht ist in Teilbereichen noch Verhandlungsspielraum oder, wenn ich das nicht akzeptieren will, ich muss die Unternehmung verlassen.

In den darauffolgenden Tagen zeigt sich, dass einzelne Mitarbeitende die Umstrukturierungen für nötig und sinnvoll halten, ja sogar froh darüber sind, dass die Verantwortlichen endlich gehandelt haben. Es gibt aber auch jene Mitarbeitende, welche schlaflose Nächte erleben, bei denen sich Angstzustände einstellen. Weshalb reagieren Menschen in vergleichbaren Situationen so verschieden? Sollte diese Einsicht nicht Konsequenzen auf die Organisation des Zusammenlebens von Menschen haben? Würden Sie lieber in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen genau gleich behandelt werden, oder ziehen Sie vielleicht eine Kultur vor, welche sich um individuelle Unterschiede kümmert?

Bevor wir weiterdenken, vergegenwärtigen wir uns noch ein anderes Beispiel. Meine ersten Primarschuljahre verbrachte ich bei einem sehr beliebten, schon nahe am Pensionsalter stehenden Lehrer. Auch ich mochte diesen Lehrer sehr. Ich ging gerne zur Schule. Ich hatte keine Angst vor dem Lehrer, Respekt hingegen schon. Zum pädagogischen Disziplinierungsinstrumentarium zählte er auch die Körperstrafe. Auch ich blieb davor nicht ganz verschont. Gewiss hatte ich irgendwelche Anordnungen des Lehrers missachtet. Ich konnte mir jedoch nie erklären, warum dies gerade jetzt geschehen war. Diese Art der pädagogischen Züchtigung war damals zumutbar. Heute ist die Körperstrafe absolut unzumutbar.

Zumutbarkeit erschliesst sich

Die zwei Beispiele zeigen, dass Menschen auf vergleichbare Situationen ganz unterschiedlich reagieren. Ein Ereignis kann gesellschaftlich zumutbar sein, aus der Optik eines Einzelfalls können eigentlich unzumutbare Umstände entstehen. Unsere Urteile basieren auf Werten, und diese können sich verändern. Verschiedene Menschen bringen unterschiedliche Wertsysteme mit und kommen damit zu zum Teil gegensätzlichen Urteilen.

Unterschiede gibt es nicht nur zwischen Mensch und Mensch. Unsere Gesellschaft setzt sich aus vielen Teilgesellschaften zusammen. Zum Teil unterscheiden sich diese in ihren Wertsystemen deutlich. Darum streiten wir über Energieversorgung, über Entwicklung, über Zuwanderung, über Strafnormen – eigentlich über alles, was wir gemeinsam organisieren müssen. Für viele Menschen ist auch das unzumutbar; sie denken, dass sie sich lieber aus der Politik heraushalten.

Ursprung der Werte

Woher kommen denn die unterschiedlichen Werte? Müsste es nicht eine letztlich nicht weiter hinterfragbare Wahrheit geben? Wenn es sie nicht gibt, könnten wir uns dann wenigstens auf eine einigen?

Es ist die Aufgabe der Theologen und Philosophen, über die grundlegenden Fragen nachzudenken. Wenn es also um Werte, was gut und was schlecht ist, geht, dann denken wir zuerst an die grossen Religionen. Sie stehen für ein bestimmtes Modell. Religiöse Lehrsätze basieren auf einer göttlichen Offenbarung. Das verschafft ihnen hohe Legitimität, allerdings nur, wenn man daran glaubt. Bei den Griechen sehen wir den Beginn des Denkens. Sokrates, der bis heute als grosses Vorbild für alle Denker gilt, soll nach langer Reise durch das Universum des Denkens festgestellt haben: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.» Aristoteles hat den weltlichen Weg zur Erarbeitung einer Ethik ausgelegt. Dieser Ansatz wurde allerdings über tausend Jahre nicht mehr weiterverfolgt. Im Mittelalter bestimmte die christliche Dogmatik, was gut und was böse ist. Aber bereits im 15. Jahrhundert formulierte der Florentiner Gelehrte Pico della Mirandola, Gott habe den Menschen weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen geschaffen. Warum? Damit er wie ein Former und Bildner seiner selbst nach eigenem Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt sich ausbilden kann, die er bevorzugt. Damit hat dieser Denker und Humanist das Ziel der Aufklärung bereits vorweggenommen. Die Folgen dieses Denkens sind die Entwicklung der Wissenschaften. Die Wirkungen dieser Wissenschaften bestimmen unser heutiges Leben. Die folgenreichste Wirkung ist wohl die, dass wir uns von den gottgegebenen grundlegenden Antworten befreit haben und nun menschlichen Überlegungen folgen. Den menschlichen Leitsätzen fehlt nun die göttliche Legitimität. Wir Menschen sind auf Gedeih und Verderb uns selber ausgeliefert. Schaffen wir es, allgemeingültige Leitsätze für ein «gutes» Leben festzuschreiben? Wenn nicht, dann bleiben uns als logische Folge die Machtkämpfe zwischen den sich gegenseitig ausschliessenden Systemen.

Daseinsbedingte Freiheit

Wir sind brutal frei und grausam darin gefangen. Wir bestimmen selbst, wie wir leben wollen, und jeder Mensch entwirft seinen eigenen, ganz persönlichen Lebensweg. Das ist die Quintessenz unserer Kultur. Einfacher ist die Sache nicht geworden. Wir kommen nicht darum herum, unser Leben in die Hand zu nehmen und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Wer aber sagt uns, wie wir es tun sollen? Wer hilft uns dabei? Dürfen wir davon ausgehen, dass dem Menschen so etwas wie Vernunft eigen ist? Die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts lässt in uns grosse Zweifel aufkommen. Die Wirtschaft hat uns Wohlstand gebracht, wir leben länger und wohl auch irgendwie besser als unsere Vorfahren. Wissen wir aber, was wir hier auf dieser Erde sollen? Ja, leben. Ist es denn egal, wie? Ist denn niemand da, der weiss, wie?

Die Last

Der moderne Mensch: Ich lebe in einer Multioptionsgesellschaft. Ich muss möglichst viele Optionen ausprobieren. Ich darf doch nichts verpassen. Geld verdienen und teure Klamotten kaufen. Spass haben. Leute kennenlernen. Parties feiern. Saufen. Im Internet nach Dates suchen. Sex. Ich muss gut aussehen. Ich betreibe Sport. Ich habe einen trainierten Körper. Ewige Jugend. Wie ist das, wenn ich es nicht schaffe?

Der Mensch im Mittelalter lebte auf ein ewiges Leben nach dem Tod hin. Seine Lebensführung war also zweckgerichtet. Der heutige Mensch lebt nur dieses Leben. Das heisst, dass er nur eine Chance hat, dass er selbst bestimmen muss und dass er zudem dazu die Verantwortung trägt. Das macht ganz schön Stress.

Antworten

Das 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen hat auch die Menschenrechte, eine UNO und viele andere globale Organisationen hervorgebracht, das Völkerrecht formuliert und die sich über Jahrhunderte bekämpfenden Nationen Europas in einer Staatengemeinschaft zusammengefasst. Es sind Regelsysteme geschaffen worden, welche Waren- und Personenverkehr lenken, Kommunikation sicherstellen, Konflikte lösen sollen, Eigentumsrechte schützen und Finanzen steuern.

Die europäischen Nationalstaaten haben sich Verfassungen gegeben, welche die Politiker binden und den Menschen grosse Mitbestimmungsrechte einräumen. Sie haben aber auch eine unabhängige Justiz und eine relativ freie Marktwirtschaft geschaffen. Die Menschen haben viele Freiheiten, grosse Sicherheit und können ihr Leben wirksam gestalten.

Trotzdem: Eine globale Finanzkrise hat unsere Wirtschaft beinahe zum Absturz gebracht. Krieg ist immer noch möglich, auch in Europa.

Dr. Willi Eugster

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