Handtasche und Geschlecht

Die Beule am Hintern verrate den Hinterwäldler, sagte mir vor Jahren ein Arbeitskollege. Er riet mir, das Portemonnaie künftig nicht mehr im Hosensack durch die Welt zu tragen. Weil ich nun freilich alles andere als ein Hinterwäldler sein wollte, befolgte ich den Rat. So weit, so gut.

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Die Beule am Hintern verrate den Hinterwäldler, sagte mir vor Jahren ein Arbeitskollege. Er riet mir, das Portemonnaie künftig nicht mehr im Hosensack durch die Welt zu tragen. Weil ich nun freilich alles andere als ein Hinterwäldler sein wollte, befolgte ich den Rat. So weit, so gut.

Nur: Wie trägt einer, der kein Hinterwäldler sein will, den Geldbeutel? Die Frage wird auf dem Schlachtfeld des Geschlechterkriegs beantwortet. Sie hiesse Handtasche – allein, welcher Mann läuft schon mit einer Handtasche durch die Gegend? Das ist für viele Männer noch immer eine reine Mädchensache, höchstens Frauenkram befindet sich darin, Weibergeschwätz vor Damentoilettenspiegeln zwirnt sich drumherum. Wie also trägt einer, der kein Hinterwäldler sein will, den Geldbeutel? In der Hand? – Unpraktisch: Man wird zum Einhändigen gestutzt und erfährt die grössten Schwierigkeiten bei so wichtigen Dingen wie dem Essen eines Döners oder beim Rock-Konzert. Gerade beim Rockkonzert, wo man dann in der einen Hand das Bier, in der anderen das Portemonnaie hält, sieht das nicht nur saudumm aus, und das wollen wir zuletzt beim Rockkonzert, das verunmöglicht einem auch den Applaus und die so geliebte Rocker-Gestik. Noch schwieriger wird der Besuch eines Fussballmatches: Hand eins – Bier, Hand zwei – Bratwurst, ... Tja: Da fehlt schlicht die dritte Hand fürs Geld.

Wie trägt einer, der kein Hinterwäldler sein will, den Geldbeutel? In der Tasche der Jacke? – Könnte klappen. Wenn das Portemonnaie nur nicht so dick wäre, verdammt! Alle erdenklichen Institutionen nötigen uns, eine Unmenge an Kredit- und anderen Karten und Kärtchen mit uns zu führen: Cumulus, UBS, möglicherweise ein Studentenausweis, später ein Personalausweis, ID, GA, Halbtax, Visitenkarte, Paraplegikerstiftung, Rega und Member Cards für dieses Geschäft und jenen Club. Die Beule, die wir am Hintern vermeiden, entsteht an der Brust, die gesamte Erscheinung des Mannes gerät in Schieflage, gleichsam ins Wanken. Nein, danke!

Wie trägt einer, der kein Hinterwäldler sein will, den Geldbeutel? – Gar nicht, er lässt ihn tragen: Von der Freundin, von der Frau in deren Handtasche? – Eine Lösung, die auf den ersten Blick verlockend klingt: Wir treten Verantwortung ab (was uns Männern im allgemeinen ja sehr leicht fällt) und wir nutzen den Service unserer vermeintlichen Dienerin – so ein Blödsinn! Und ein Autonomieverlust sondergleichen, für den aufgeklärten Mann undenkbar. Das Portemonnaie hat gefälligst «auf Mann» getragen zu werden, es gehört sozusagen zum Tagesbefehl, um in der Sprache der Männerdomäne par excellence zu sprechen, dem Militär.

Wie trägt einer, der kein Hinterwäldler sein will, den Geldbeutel? – Es bleibt nur diese eine Lösung: in der Handtasche für den Mann! Die erfordert nun wahrlich eine gehörige Portion Männer-Emanzipation. Aber stellen wir sie uns wenigstens vor, die Männer-Handtasche. Sie muss aus Leder sein und damit gewissermassen aus dem Material des Männlichen schlechthin, das auf die Jagd verweist, auf einen heldenhaften Kampf gegen das Tier und auf den Jagderfolg. Und der Inhalt? – Zuallererst natürlich das Portemonnaie – warum sonst hätte ich mir die Mühe mit diesem Text machen müssen? Daneben: Taschentuch (früher, in der quasi unaufgeklärten Männerexistenz auch «Schnoderlompe» genannt und ebenfalls im Hosensack zerknüllt), Smartphone, Sonnenbrille, Kaugummi, Zigis und Feuerzeug, Kondome und Überbrückungskabel (zukünftige Jagderfolge ermöglichend), Alka Seltzer, Auto- und Wohnungsschlüssels und – Sackmesser. Und wer weiss: Vielleicht, vielleicht klappt's nach der Handtasche für den Mann ja auch mal mit dem Staubsauger, dem Wickeltisch oder dem Bügeleisen für den Mann. Guido Berlinger-Bolt