Hässlicher Betonbau oder schützenswertes Kulturobjekt?

Die Kantonsschule Wattwil ist sanierungsbedürftig. Offen ist, ob gar ein neues Schulgebäude gebaut wird. Es gibt Gründe, die dagegen sprechen. Denn was einige als hässlichen Betonklotz ansehen, bezeichnet das Kennerauge als bedeutendes Kulturobjekt der Betonarchitektur.

Alexandra Scherrer
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Gebäudefront aus Beton: Die Fassade und der Eingang zur Mensa (rechts) sind schlicht gehalten. (Bild: Moritz Flury)

Gebäudefront aus Beton: Die Fassade und der Eingang zur Mensa (rechts) sind schlicht gehalten. (Bild: Moritz Flury)

WATTWIL. Als zweite Mittelschule im Kanton St. Gallen wurde die Kantonsschule Wattwil 1970 eröffnet. Entworfen wurde das Gebäude an der Näppis-Ueli-Strasse von den Architekten Otto Glaus und Heribert Stadlin. Die beiden hatten 1965 in einem zweistufigen Wettbewerb den Bauauftrag gewonnen. Das Gebäude wurde bei voller Ausnutzung für 500 bis 600 Personen geplant.

Von Le Corbusier inspiriert

Heute besuchen etwa 750 Jugendliche die Schule. Die Kantonsschule Wattwil wurde mit Fertigbeton-Elementen erbaut. Als Material für seine äussere Erscheinung dominiert der unbehandelte Sichtbeton. Dunkelbraun gebeiztes Föhrenholz wurde für die Fenster gewählt. Die einbrennlackierten Metallbrüstungen sind ebenfalls dunkelbraun. Auffällig sind die Fassadenstützen. Ihre Abstände scheinen zuerst unregelmässig, allerdings gibt es davon nur drei verschiedene (140, 86 und 53 Zentimeter), die sich stets wiederholen. Ein geschultes Auge erkennt darin Ähnlichkeiten mit Iannis Xenakis' Glaswänden am Kloster in La Tourette, das von Le Corbusier entworfen wurde.

Tatsächlich besteht hier ein Verbindung: Otto Glaus selbst war ein Schüler des prominenten schweizerisch-französischen Architekten. Im Interview mit dem Magazin «Bauen + Wohnen» im Jahr 1971 sagt Heribert Stadlin, dass sie weitgehend nach den Modulor-Massen von Le Corbusier gearbeitet hätten. Aus diesem Proportionssystem, basierend auf den menschlichen Massen und dem Goldenen Schnitt, haben die Architekten beispielsweise die Abstände der Fensterbreiten errechnet. Damit wollten sie, so Heribert Stadlin, «eine rhythmische Bewegung und gute Proportionen erreichen», denn: «Wir denken nicht nur technisch und auch nicht nur ästhetisch», lautete seine Begründung.

Schulhaus für Persönlichkeiten

Die kubischen Elemente verleihen dem Bau eine gewisse Schlichtheit. Die Gebäudemassen sind im Zentrum konzentriert. Auf den Seiten wird das Bauwerk niedriger. Somit verläuft der Übergang zum Fluss und zu den Wohnquartieren nahtlos. Um eine Grundwasserisolation zu vermeiden, steht das Erdgeschoss der Kantonsschule zwei Meter über dem natürlichen Terrain. So führt der Weg zum Haupteingang über eine Treppe. Im Innern des Gebäudes wird es farbenfroher: In den Korridoren und der Aula sind die Böden aus grün glasierten Steinzeugplatten. Für Wände und Decken wurde ein weiss gestrichener Rauputz gewählt. Dieser wirke sich, gemäss «Bauen + Wohnen», sowohl ästhetisch als auch akustisch sehr gut aus.

Das Föhrenholz, das aussen für die Fenster verwendet wurde, wird in den Schulzimmern wiederaufgenommen, wo es zusätzlich als Täfelung für die Seiten- und Rückwände zum Einsatz kam. Das Ziel der beiden Architekten sei es gewesen, ein Schulhaus zu errichten, das nach aussen und innen die Wichtigkeit einer Mittelschule in der Gesellschaft aufzeigt. Gleichzeitig solle es aber auch den Schüler als Individuum ansprechen. Um dieses Ziel zu erreichen, hätten sie auf gute Proportionen, die Pflege der Details ohne übertriebenen Perfektionismus und gestalterischen Reichtum gesetzt, so Heribert Stadlin gegenüber «Bauen + Wohnen».

Der Haupteingang der Schule: Sofort stechen die Fassadenstützen nach Le Corbusiers Masssystem ins Auge. (Bild: Moritz Flury)

Der Haupteingang der Schule: Sofort stechen die Fassadenstützen nach Le Corbusiers Masssystem ins Auge. (Bild: Moritz Flury)

Druck (Bild: ALEXANDRA SCHERRER)

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