«Haben Sie nichts Besseres zu tun?»

WATTWIL. 2080 Bussenzettel verteilte Manuela Näf im letzten Jahr in Wattwil. Die Toggenburgerin arbeitet seit 2012 als Gemeindepolizistin. Sie war zuvor schon sieben Jahre Politesse in St.Gallen und sagt, der Umgangston sei im Toggenburg viel angenehmer.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Erste Station: Parkplatz vor dem Gemeindehaus.

Erste Station: Parkplatz vor dem Gemeindehaus.

WATTWIL. «Haben Sie eigentlich nichts Besseres zu tun?» – das ist die häufigste Frage, die Manuela Näf auf der Strasse hört, wenn sie in Uniform und mit Bussenblock unterwegs ist. Ihre coole Antwort: «Nein, heute gerade nicht.» Die zweithäufigste, noch bösartigere Frage lautet: «Arbeiten Sie auf Provision?» Auch das ist falsch und eine Unterstellung, die der Arbeit der Gemeindepolizistin nicht gerecht wird. Im Gegenteil: «Die Ladenbesitzer sind sehr froh über meine Arbeit», sagt sie. Wenn niemand kontrollieren würde, wären die blauen Parkzonen schnell von Dauerparkierern belegt. Die Kunden und die Ladenbesitzer hätten das Nachsehen. Manuela Näf hat deshalb ein gesundes Selbstbewusstsein, überdies eine offene, bestimmte, aber freundliche und humorvolle Art. Das hilft in diesem Job. Sie sagt aber auch: «Im Vergleich zur Stadt St. Gallen ist der Umgangston hier in Wattwil viel freundlicher.» Dies trotz der 2080 im letzten Jahr von ihr ausgefüllten Bussenzettel.

«Ist eben kein Scheissjob»

Manuela Näf weiss, wovon sie spricht: Sieben Jahre lang arbeitete sie als Politesse in St. Gallen. Den Coiffeurberuf hatte sie kurz nach der Lehre wegen einer Allergie aufgeben müssen. «In St. Gallen geht es wegen der Anonymität viel ruppiger zu und her. Dort wurde sie auch schon mal als «Arschloch» beschimpft, hat einmal fast eine Ohrfeige bekommen und auch mal einen zerrissenen Bussenzettel an den Kopf geschmissen bekommen. Deshalb hat sie die Antwort bei Kollegen, welche die Nase rümpfen, schnell parat: «Hier in Wattwil fühle ich mich akzeptiert. Ich gehöre fast schon zum Dorfbild, meine Arbeit macht Sinn und die allermeisten Leute sind respektvoll, sachlich und freundlich.»

Nach sieben Jahren als Politesse wechselte Manuela Näf zum St. Galler Tagblatt in die Personalabteilung, wo sie bis zur Babypause auch blieb. Seit 2012 nun ist sie in Wattwil angestellt.

E-Mails mit Reklamationen

Bei Arbeitsbeginn am Morgen checkt Manuela Näf zuerst die E-Mails. «Es gibt immer wieder Leute, die mit der Parkbusse nicht einverstanden sind und sich auf der Gemeinde oder auf dem Polizeiposten beschweren», sagt sie. Diese Reklamationen landen dann in ihrem Mail-Konto. «Um eine Busse zurückzunehmen, braucht es einen triftigen Grund, zum Beispiel ärztliche Notfälle», erklärt sie. Sie erinnert sich an einen Fall in Lichtensteig, wo sich nachträglich herausgestellt hat, dass jemand nach einem Arbeitsunfall mit blutiger Hand zum Arzt gefahren ist. «Er vergass natürlich die Parkscheibe. Diese Busse nahm ich selbstverständlich zurück.» Es bleiben Ausnahmen: Denn jede Stornierung muss Manuela Näf gegenüber der Kantonspolizei begründen. «Grundsätzlich ist jede Busse, die ich ausstelle, auch hundertprozentig gerechtfertigt.» Drückt sie nie ein Auge zu? «Das ist heikel», meint sie, «und schmeckt sofort nach Willkür.» So werden auch Freunde und Bekannte von ihren Parkbussen nicht geschont.

Tourplan ist geheim

Wann macht Manuela Näf jeweils ihre Tour? Sie lacht: «Das ist eine Fangfrage. Das sage ich sicher nicht, sonst könnten sich die Leute ja danach richten», antwortet Manuela Näf. Was sie bekannt gibt: Mit ihrem 40-Prozent-Pensum hat sie den Überblick über alle blauen Zonen und alle von der Gemeinde Wattwil bewirtschafteten Parkplätze. Tatsächlich trifft man sie morgens, nachmittags, oft auch am Samstag an. Immerhin läuft sie vom Gemeindehaus über die Bahnhofstrasse, Rickenstrasse bis zum BWZT, zum Thurpark und zur Ebnaterstrasse. Insgesamt 211 bewirtschaftete Parkplätze gibt es in Wattwil. Fünf Stunden pro Woche kontrolliert sie zudem die Parkplätze in Lichtensteig.

Die erste Station auf ihrem Rundgang ist der Ticketautomat beim Parkplatz vor dem Gemeindehaus: Ein Zahlencode genügt und der Automat spuckt drei Tickets aus, auf denen steht, welche Nummern bezahlt und nicht schon über der Zeit sind. Ein Blick genügt, um abzuschätzen, welche tatsächlich zu einer Busse führen. Denn hier parkieren viele Dauerparker mit Bewilligung – vor allem Gemeindemitarbeiter, aber auch Anwohner können eine solche für 40 Franken im Monat erwerben. Allerdings müssen sie deutlich sichtbar hinter der Frontscheibe plaziert sein, ansonsten gibt es trotzdem eine Busse. Das musste sogar einmal der Gemeindepräsident erfahren.

Korrekt und verständnisvoll

Korrektes Auftreten (mit Uniform, Täschli und sichtbarem Ausweis) ist das eine, verständnisvolles Zuhören das andere, das es in diesem Job braucht. Unzählige Male hat Manuela Näf schon erklärt, wie die blaue Parkscheibe korrekt einzustellen ist (siehe Kasten). Immer wieder gibt es einen kurzen Schwatz mit Passanten. Am Samstag verteilt sie wegen den vielen Auswärtigen bis zu 40 Bussen, unter der Woche sei ihre Präsenz eher präventiv, sagt sie. Tatsächlich: Beim Rundgang am Dienstagvormittag braucht sie nur eine Busse zu schreiben. Manuela Näf hat dafür eine schmunzelnde Erklärung: «Sie sehen, ich habe die Wattwiler gut erzogen.»

E-Mails checken bei Arbeitsbeginn: Es geht vor allem um Reklamationen.

E-Mails checken bei Arbeitsbeginn: Es geht vor allem um Reklamationen.

Ein Kontrollblick auf die Uhr hilft beim korrekten Bussenverteilen.

Ein Kontrollblick auf die Uhr hilft beim korrekten Bussenverteilen.

Am Dienstagvormittag war dies die einzige Parkbusse, die Manuela Näf ausstellte. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Am Dienstagvormittag war dies die einzige Parkbusse, die Manuela Näf ausstellte. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Aktuelle Nachrichten