Gutmensch spielt Bösewicht

STEIN. Heute kommt der Film «Das Deckelbad» in die Kinos. Die Ostschweizer Produktion handelt von einem Familienschicksal, das sich im letzten Jahrhundert zugetragen hat. In einer der Hauptrollen ist Hans-Peter Ulli aus Stein zu sehen.

Karin Erni
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Gemeinderat Hans-Peter Ulli spielt im Film «Das Deckelbad» den Gemeindepräsidenten Lukas Gantenbein. (Bild: ker)

Gemeinderat Hans-Peter Ulli spielt im Film «Das Deckelbad» den Gemeindepräsidenten Lukas Gantenbein. (Bild: ker)

Der Film «Das Deckelbad» spielt in der Ostschweiz, in der Zeit zwischen 1929 und 1955. Das Programmheft umschreibt die Handlung folgendermassen: «Katharina Walser, die Geliebte des Tannbühlers, entspricht nicht den ortsüblichen Vorstellungen von Sitte und Moral. Zudem ist sie eine Ausländerin. Deshalb wird sie im Dorf ausgegrenzt. Die Behörden nehmen ihr die Kinder weg, versorgen ihren Mann im Gefängnis und sie in der Irrenanstalt. Ein herzergreifendes Frauenschicksal inmitten versteinerter Herzen.»

Herausfordernde Rolle

Eines der versteinerten Herzen im Film ist Gemeindeammann Lukas Gantenbein. Gespielt wird er von Hans-Peter Ulli. Der ausgebildete Schauspieler ist heute mehrheitlich als Trainer und Coach für Organisationsentwicklung und Kommunikation tätig und sitzt danebst im Gemeinderat von Stein. «Der Gantenbein ist eine spannende und zugleich herausfordernde Rolle», sagt Ulli. Er habe sich bei der Rollenerarbeitung lange überlegt, warum der Gemeindeammann so böse ist. «Aus meiner Sicht ist es Hilflosigkeit gepaart mit festgefahrenen Vorstellungen, wie eine Gesellschaft sein muss. Er will der Dorfkönig bleiben und bestimmt sich damit selber fremd.»

Soziales Engagement

Gemeindeammann Lukas Gantenbein ist einer, dem Geld und Macht wichtiger sind als der Mensch. Ganz anders Hans-Peter Ulli. Der überzeugte Sozialdemokrat engagiert sich gerne für andere. Sei es im politischen, sozialen oder kulturellen Bereich. Ulli setzt sich auch für Absolventen von Filmakademien ein, die für ihre Abschlussarbeiten Schauspieler brauchen. «Ich mache jährlich ein Budget, wie viele Stunden Gratisarbeit ich leisten will und halte mich dann daran.» Die Zusammenarbeit mit jungen Regisseurinnen und Regisseuren sei spannend und eine gegenseitige Bereicherung.

Das Schöne am Schauspielerberuf sei, dass man auch einmal hinter die eigene Fassade schauen müsse, so Ulli. Für die Rolle des Gantenbein habe er zuerst die dunklen Seiten an sich selbst gesucht. «Jeder Mensch hat solche Anteile. Für den Drehtag habe ich diese Eigenschaften dann jeweils auf 100 Prozent hinaufgeschraubt.»

Low-Budget-Produktion

Regisseur Kuno Bont musste den Film mit einem minimalen Budget drehen, weil er sich von Geldgebern und Sponsoren nicht in der künstlerischen Freiheit beschneiden lassen wollte, sagt Hans-Peter Ulli. Mit einem kleinen Budget arbeiten zu müssen heisse nicht, dass die Qualität deswegen schlechter sei, sagt Ulli. «Im Gegenteil. Für die Schauspieler und die ganze Crew ist es nicht einfach ein Job. Jeder von ihnen will einen guten Film machen und leistet dafür vollen Einsatz.» 16-Stunden-Tage seien bei den Dreharbeiten die Regel gewesen. Vom Resultat ist der Schauspieler positiv beeindruckt. Er finde den Film nicht anklagend. «Er zeigt einen Teil der Schweizer Geschichte auf, der gerne totgeschwiegen wird», sagt Ulli. Behördenwillkür habe jahrzehntelang dazu geführt, dass Menschen in Waisenhäusern, Arbeitserziehungsanstalten Gefängnissen oder in der Psychiatrie «versorgt» worden seien. Dort seien Elektroschocks und Deckelbäder in jener Zeit anerkannte Behandlungsmethoden gewesen. Es sei wichtig, dass man diese Geschichte jetzt aufarbeite, so Ulli . <Das Deckelbad> ist ein guter Film geworden. Ich bin stolz darauf, ein Teil davon zu sein.»