Grosspapi first

Brosmete

Peter Abegglen
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In sozialen Netzwerken sind Likes und Follower die Währung für Wertschätzung, also Fans, die einem zujubeln bis zur Verehrung. Es gibt Leute, die sich mit der Zahl ihrer Follower brüsten, wobei brüsten eine treffliche Beschreibung sein kann.

Meine Fangemeinde ist überschaubar, aber kürzlich gewachsen. Die jüngste Enkelin hat sich endlich auch dazu entschlossen, mit dem Sprechen zu beginnen, nachdem sie bislang mit Kopfschütteln, Nicken und Zeigen alle Wünsche durchsetzen konnte. Völlig entgegen der klassischen Sprachentwicklung von ein- zu zweisilbigen Wörtern wie «Nei!», «Mama» oder «Papa» kam sie direkt auf «Opapi», was mich mächtig stolz machte. Dass ich tatsächlich so etwas wie ihr Idol bin, zeigt sich daran, dass sie schnurstracks Schuhe und Jacke anziehen möchte, wenn sie zu Hause Wörter wie «Speicher, Grosi oder Grosspapi» aufschnappt. Kürzlich war tatsächlich ein Besuch bei uns angesagt. Sie holte selbstredend sofort Schuhe und Jacke, stand als Erste bereit und rüttelte schon an der Türe, um endlich aufzubrechen. In diesem Moment läutete es. In der Meinung, das sei jetzt der Grosspapi, der sie abholen komme, gab es - oh Schreck! - eine Enttäuschung. Es war die Omi, die andere Grossmutter. Ausgerechnet sie, bei der sie sonst so gerne ganze Tage verbringt. Die Enttäuschung war so gross, dass die Kleine herzerweichend schluchzte und kaum mehr zu trösten war.

Als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, dass sie mein grösster Fan ist, kam es etwas später zu einem Telefongespräch mit ihrer Mutter. Im Hintergrund war die Kleine zu hören. Sie verlangte offenbar das Telefon und ich fragte: «Hallo, wer ist denn da?» Nach ein paar Sekunden des Schweigens kam der Urschrei: «Opapi!!!»

«Grosspapi first» ist mir mehr wert als Tausende von Followern, auch wenn es nur auf Zeit ist, bis zu «Omi first» oder «Grosi first» oder ...

Peter Abegglen