Grosse Stadt, grosse Einsamkeit

«Wie hast du das denn geschafft?», fragte mich ein sichtlich verwirrter Mitarbeiter. Einen Moment lang war ich sprachlos, mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Es ging um eine Pendenz, die wir endlich ad acta legen konnten.

Felix Merz
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Bild: Felix Merz

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«Wie hast du das denn geschafft?», fragte mich ein sichtlich verwirrter Mitarbeiter. Einen Moment lang war ich sprachlos, mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Es ging um eine Pendenz, die wir endlich ad acta legen konnten. Dutzende Mails und involvierte Personen haben dieses Problem – eigentlich ein Alltagsproblem – über Wochen erstreckt und immer komplizierter gemacht. Die Lösung war ein einziges klärendes Telefonat mit einer Gesamtdauer von 5 Minuten und 23 Sekunden. Heutzutage tippen wir – ich eingeschlossen – die ganze Zeit auf Displays herum, senden Mails in Hülle und Fülle und lassen digitale Kanäle für uns sprechen. Schon lange vor Facebook und Co. klagten Philosophen über die einsetzende Einsamkeit. Vor rund 400 Jahren schrieb Francis Bacon über die brutalste Form der Einsamkeit, bei der man nicht allein zu Hause sitzt, sondern sich unter lauter fremden Menschen aufhält. Oder wie es Hannes Stein in seinem «Welt»-Artikel ausdrückt: «Magna civitas, magna solitudo» (Grosse Stadt, grosse Einsamkeit). Soziale Medien und digitale Kanäle können Menschen einsam und Probleme grösser machen. Ich benutze sie tagtäglich als das, was sie sind: eine Ergänzung. Nur am Telefon oder von Auge zu Auge versteht man die wichtigsten Botschaften, jene zwischen den Zeilen. Herrlich, wie die Leute reagieren, wenn man im Arbeitsalltag das gute alte Telefon benutzt. «Haben Sie mein Mail nicht gelesen?» «Doch, aber ich hätte da noch eine Frage. Wie meinen Sie das?»