«Ich werde körperlich sicherlich an meine Grenzen kommen»: Appenzellerin will den Ärmelkanal durchschwimmen

Agnes Rohatynski aus Appenzell will den Ärmelkanal durchschwimmen. Das Training begann vor zwei Jahren.

Astrid Zysset
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Agnes Rohatynski arbeitet in Appenzell. Im Juli reist sie ins englische Dover für eine ganz spezielle sportliche Herausforderung.

Agnes Rohatynski arbeitet in Appenzell. Im Juli reist sie ins englische Dover für eine ganz spezielle sportliche Herausforderung.

Bild: Astrid Zysset

Manchmal schmerze jede Faser ihres Körpers. Und sich nach 20 Uhr auf dem Sofa zu entspannen, das ist für Agnes Rohatynski aus Appenzell derzeit purer Luxus. Selten genug kommt es vor. Das harte Training, das sie sich auferlegt hat, fordert ihren Tribut. Trotzdem: «Ich habe es nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben», sagt die 39-Jährige. Inspiriert von einem ehemaligen Arbeitskollegen, der es 2013 bereits geschafft hatte, will Agnes Rohatynski nun ebenfalls die Herausforderung wagen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Im Juli soll es soweit sein – 34 Kilometer lang dem kalten Wasser und den Strömungen trotzend.

«Ich werde körperlich sicherlich an meine Grenzen kommen.»

Doch sie sei motiviert, es durchzuziehen.

Gestartet wird diesen Juli frühmorgens im englischen Dover. Ein Team der Channel Swimming Association begleitet Agnes Rohatynski auf einem Beiboot, reicht ihr Essen und Getränke. Schätzungen, wie lange sie hat, bis sie die französische Küste erreichen wird, möchte die 39-Jährige eigentlich nicht wagen. Aber 13 Stunden dürften es schon werden, sagt sie. Nach sieben Stunden zirka gebe es die erste psychische Krise. Das habe sie den Erfahrungen derjenigen entnommen, welche die Durchquerung schon geschafft hatten. Rohatynski sagt:

«Es setzt einem zu, so lange mit sich alleine zu sein. Diesen Monolog mit sich selbst zu führen, das muss man aushalten können.»

An der körperlichen Kondition soll es indes nicht scheitern. «Ich falle ja nicht gerade vom Sofa», meint sie und lächelt. «Ich mache vieles dafür, dass ich der Aufgabe gewachsen sein werde.»

Körperlich abhärten im kalten Seewasser

Zwei Jahre dauern mittlerweile die Vorbereitungen. Seit Anfang des Jahres hat Agnes Rohatynski die Trainingseinheiten ausgebaut: Krafttraining absolviert sie einmal wöchentlich. Hinzu kommen 30 Kilometer Schwimmen, aufgeteilt auf sechs Tage pro Woche. Dies allerdings im Becken. Sonntags kommen noch Schwimmeinheiten im nur wenige Grad warmen Wasser des Bodensees oder in demjenigen See bei Ulm, wo sie zeitweise wohnt, hinzu. Zur Abhärtung müsse sie sich in die offenen Gewässer wagen, sagt Rohatynski.

«Damit kann sich mein Körper an die niedrigen Temperaturen gewöhnen.»

Die Wassertemperatur im Ärmelkanal zu Zeiten des Starts dürfte nämlich lediglich 13 Grad Celsius betragen. Zuzüglich steht ein Trainingslager über Ostern an. Und an einem Schwimmwettkampf über 80 Kilometer Distanz werde die 39-Jährige Anfang März ebenfalls noch teilnehmen, um weiter Kondition aufzubauen. «Ich will meine Trainingsziele unbedingt einhalten. Jede Pause würde mich ansonsten unweigerlich zurückwerfen.»

Sorge wegen Strömung und Kälte

Ist sie zuversichtlich, dass sie die Ärmelkanaldurchquerung auch schaffen wird? «Das Spiel beginnt im Kopf», sagt Agnes Rohatynski lächelnd. Es sei grösstenteils eine Frage der mentalen Einstellung. «Ich habe Respekt vor der Aufgabe. Den braucht’s. Aber ich bin auch derjenige Typ Mensch, der seine Ziele mit aller Konsequenz durchzieht.» Die Länge von 34 Kilometern mache ihr keine Sorgen. Kälte und Strömungen hingegen schon. «Damit muss ich fertig werden.»

Schwimmen war immer Bestandteil des Lebens

Der Leistungssport liegt bei Agnes Rohatynski in der Familie. Mutter und Vater waren Profisportler, Agnes Rohatynski lernte mit sechs Jahren schwimmen. Was folgte, war der Übertritt an eine Sportschule, die junge Frau wurde Mitglied im Schwimmverein Ulm sowie einem Freiwasserteam und nahm an zahlreichen Wettkämpfen teil. 1999 hängte sie ihre Schwimmkarriere jedoch an den Nagel und machte eine kaufmännische Ausbildung. Heute betreibt die gebürtige Deutsche mit polnischen Wurzeln ein Consulting-Unternehmen in Appenzell, in welchem sie Personal für Schweizer Kliniken vermittelt.

Über die Crowdfunding-Plattform ibiy.net möchte Agnes Rohatynski nun das nötige Geld zusammen bekommen, um ihr Abenteuer der Ärmelkanaldurchquerung auch finanzieren zu können. Sie zeigt sich zuversichtlich, dass die Mittel zusammen kommen werden.

«Wenn nicht das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht oder mich eine Verletzung ereilt, gibt es nichts, was den Start noch verhindern könnte.»

Es sei wichtig, an den eigenen Träumen festzuhalten, auch wenn es schwierig werden sollte. Agnes Rohatynski will sich als Vorbild für all diejenigen Frauen verstanden wissen, die Wünsche mit sich herumtragen, sich aber nicht getrauen, sie auch umzusetzen.

Nächste Herausforderung wartet schon

Und welche Pläne stehen nach der Ärmelkanaldurchquerung an? «Dann mache ich wohl erst einmal ein halbes Jahr Pause. Die braucht mein Körper», seufzt die 39-Jährige. Obwohl: Vor ihrem 40. Geburtstag im Spätsommer möchte sie doch noch gerne den Zürichsee durchschwimmen. 26 Kilometer beträgt jene Distanz. «Ich will einfach sehen, ob ich das packe. Das wäre eine weitere Herausforderung für mich.»