Gratis Umarmungen

Brosmete

Lars Syring
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Nachdem Olli sein Spaghettieis genossen hatte, ging er geradewegs zum Brunnen auf dem Barmeyerplatz. Im Schatten von Widukind stellte er sich auf. Nur er allein. In kurzen Hosen und T-Shirt. Umgeben vom Plätschern des Brunnens. Die Füsse etwa hüftbreit auseinander stand er da und hielt das Schild vor dem Bauch. «Heute Umarmungen Gratis!»

Ich war inzwischen doch noch nachgekommen, konnte mir das Spektakel nicht entgehen lassen. Wollte doch wissen, wie die Engeraner auf Gratisumarmungen reagieren würden. Ohne es zu wissen, tat ich es Olli gleich und ging erst mal zu Degrassi.

«Ah, Larse, schön, e.»

«Ja, hallo Fiore. Ein Spaghettieis, bitte.»

«Si! Natürlisch. Wie imma.»

«So wie immer», wiederholte ich. Warum sollte ich auch etwas anderes bestellen? Komischer Gedanke.

Ich hatte einen Platz im Auge und schlurfte hinaus.

Als ich Olli entdeckt hatte, hatte sich schon eine Traube um ihn gebildet. Mindestens zehn junge Mädchen, ich schätzte sie auf etwa 16, 17 Jahre, umarmten ihn. Leidenschaftlich. Offenbar hatte das Gruppenerlebnis sie in eine Hysterie hineingeführt. Sie kicherten wild durcheinander. Dann schwangen die Mädchen ihre Arme um Olli. Die einen nur kurz. Andere, die offenbar etwas cooler sein wollten, länger und länger. So als wollten sie aus­probieren, wie lange Olli das durchhielt. Der stand in stoischer Ruhe da und erwiderte jede ­Umarmung. Es schien ihm zu gefallen.

Dann kam ein alter Mann vorbei. Er blieb sichtlich irritiert stehen. «Was wird das denn? So ein unflätiges Verhalten in aller Öffentlichkeit!»

«Willst du mitmachen, alter Mann?», fragte ihn eine der jungen Damen.

«Nee, lass mal.»

«Oder bist du neidisch?», fragte eine andere. Sie breitete ihre Arme aus und tat so, als wolle sie den alten Mann umarmen.

«Ach», winkte der alte Mann ab, schüttelte sein Haupt und ging ­eilig weiter. Nach wenigen Schritten blieb er stehen und guckte, ob er seine Verfolgerin abgeschüttelt hatte. Aus sicherer Entfernung schaute er sich dann an, wie es weiterging ...

Lars Syring