Goldfischgeschichte – The last one

Es war schön, ihn kennengelernt zu haben. Den Goldfisch. (Und natürlich auch Freddy.) Aber sein Goldfisch hat mich in zweierlei Hinsicht stärker beeindruckt.

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Bild: Martina Basista

Bild: Martina Basista

Es war schön, ihn kennengelernt zu haben. Den Goldfisch. (Und natürlich auch Freddy.) Aber sein Goldfisch hat mich in zweierlei Hinsicht stärker beeindruckt.

Ich bin erstens tief beeindruckt von seinem Weitblick. «Keine Kunst», werden Sie sagen, «der wohnt ja in einem runden Glas, in einer Goldfish-Bowl. Und kann so ständig rundherum alles beobachten!» – Stimmt schon, er wohnt in einem Glas und kann rundherum schauen. Und dennoch: Man muss auch schauen WOLLEN. Und der Goldfisch wollte immer. Schauen sie: Es gibt ganz in unserer Nähe ein Tal von aussergewöhnlicher Schönheit; hohe Berge mit Bergbahnen und Wanderwegen erschlossen, das Tal ist weit und scheint zunächst offen. Man würde glauben, die Menschen müssten das auch sein. Allein, sie sind es nicht. Sie sind mürrisch, unfreundlich, meist abweisend. Sie haben leider verlernt, über den Horizont zu blicken. Und das, obwohl ja der Horizont von den einmalig schönen Bergketten praktisch vergoldet ist. Man muss auch schauen WOLLEN.

Ich bin zweitens tief beeindruckt vom Glauben des Goldfisches an ein Miteinander, an ein Zusammen. «Der Goldfisch? Der ist doch stumm!», sagen Sie? – Er kann nicht sprechen, ja. Dennoch war er es, der seinen Freddy immer im Spiel gehalten hat. Nur dank ihm sprachen Frauen den Freddy an – selten zwar, aber doch immer mal wieder. Nur dank ihm – als angeblicher Beweis seiner Tierliebe – bekam Freddy seinen Job als Tierpfleger im Zoo. (Nur dank ihm hat er ihn allerdings auch wieder verloren – Freddy nahm die Bowl überall hin, das ging aber nicht beim Scheisse-Kehren im Tigergehege oder bei den Kaiserpinguinen.) Nur dank dem Goldfisch bekam Freddy in der nahen Tankstelle ab und an ein Bier gratis. (Die Kassierin fand den Goldfisch so süss.) Und nur dank ihm bekam Freddy bei der örtlichen Sparkasse hin und wieder etwas Kredit. Nur dank dem Goldfisch trafen sich die örtlichen Drögeler an manchen Tagen in Freddys Wohnung. (In der Goldfish-Bowl liessen sich ihre «Briefchen» ausgezeichnet transportieren; die Polizei hatte sie nie dabei erwischt.) Und nur dank dem Goldfisch fanden sie den toten Freddy damals überhaupt. Man hörte sein lautes Miauen und die Nachbarn alarmierten die Ambulanz.

Guido Berlinger-Bolt