Gold-Boom an der Alpsteinstrasse

Roman Karg, Herisauer Numismatiker, Philatelist und Altgold-Händler, hat dieser Tage alle Hände voll zu tun. Grund ist der rekordhohe Goldpreis. Die Wirkung: Dutzende neue Kunden, die alten Schmuck zu Geld machen wollen – und die bei Karg für 15-Stunden-Tage sorgen.

Benno Gämperle
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Roman Karg sortiert und zerlegt in seinem Laden an der Alpsteinstrasse alten Schmuck in Nichtmetalle und verwertbares Altmetall. (Bild: gä)

Roman Karg sortiert und zerlegt in seinem Laden an der Alpsteinstrasse alten Schmuck in Nichtmetalle und verwertbares Altmetall. (Bild: gä)

Herisau. Die Türe ist aus Glas. Sie führt in einen grossen Raum, dessen Wände von Regalen verstellt sind, gefüllt mit Plastikkisten voller Münzen, Ansichtskarten oder altem Schmuck, Fachliteratur über Banknoten und Münzen aus aller Welt sowie unzähligen Briefmarkenalben. In der Mitte des Raums steht ein grosser Holztisch, umgeben von bequemen schwarzen Sesseln.

Am kleinen Tisch hinten links, auf dem ein Mikroskop, eine Waage und ein grosser Taschenrechner stehen, verabschiedet Roman Karg soeben einen Kunden. Ein anderer Mann wartet im Raum, studiert die Auslagen, in der Hand eine Papiertasche. Sie enthält einige alte Sackuhren, die meisten sind kaputt, wie sich später zeigen wird, und etwas Schmuck. Karg, der Herisauer Numismatiker, Philatelist und Altgold-Händler, berät den Mann kompetent, sachlich und zuvorkommend.

Dieses Stück hier ist aus Silber, jenes Teil aus Nickel, wertlos, ein drittes Stück ist ein vergoldetes Armband. Der Händler nennt einen Kaufpreis für das Silber und die anderen Wertsachen, rundet grosszügig auf, der Kunde nickt, der Handel ist perfekt. Fehlt nur noch die Quittung, ein Dank, ein Händedruck, eine höfliche Verabschiedung. Karg setzt sich wieder.

«Goldpreis so hoch wie nie»

Die Türe aus Glas geht oft auf und zu dieser Tage. Das hat seinen Grund, wie Roman Karg erklärt: «Der Goldpreis ist so hoch wie noch nie.» Über 43 000 Franken (Stand Pfingstsamstag) sei ein Kilo reines, 24karätiges Gold wert im Ankauf, sagt der gebürtige Herisauer. Und weiter: «Jetzt gibt es sehr viel Geld für alten Schmuck.» Ob ein Schmuckstück vergoldet ist oder aus legiertem Gold, stellt Fachmann Karg beim ersten Griff fest: «Dank meiner jahrzehntelangen Erfahrung spüre ich das spezifische Gewicht des Materials in meiner Hand.

» Dennoch legt er jeden Ring, jedes Armband, das er ankaufen wird, auf die Waage, denn abgerechnet werde bei ihm stets seriös und auf das Gramm genau – mit einer geeichten Waage, versteht sich. Das zu betonen ist Numismatiker Karg ein Anliegen, denn jetzt, angezogen durch die sehr hohen Edelmetallpreise, seien viele unseriöse Händler unterwegs (siehe Kasten).

Dass der Goldpreis derzeit in Rekordhöhen schnellt, hat laut Roman Karg primär (staats-)politische Gründe. «Wenn die Menschen Angst haben vor Krieg, vor Inflation, vor einem Börsencrash, wenn sie das Vertrauen in eine Währung verlieren oder wenn Staatsbankrotte drohen, wie derzeit in Griechenland, dann wird Kapital sehr oft in Gold angelegt.» Das erhöht die Nachfrage nach diesem Edelmetall, was wiederum den Preis nach oben treibt.

Roman Kargs Laden befindet sich seit Oktober letzten Jahres an der Alpsteinstrasse 15b. Zuvor war er acht Jahre lang an der Gossauerstrasse 12 domiziliert, wo er bestimmt noch heute geschäften würde, wäre dort Ende September 2009 nicht jener Kellerbrand ausgebrochen, der zum Grossbrand wurde. «Gebrannt hat es bei mir zwar nicht», sagt Karg, «aber der Wasserschaden in meinem Laden war hoch.»

«Hobby zum Beruf gemacht»

Roman Karg ist mit Leib und Seele Münzenhändler, und das seit vielen Jahren, sagt er. Verarbeitete Metalle sind seine Welt, das merkt jeder, der ihm über die Schulter schaut. «Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, das ist das Idealste, was einem im Leben passieren kann», sagt er, während er ein paar alte, kaputte Sackuhren in deren Einzelteile zerlegt.

Doch auch wenn ihm bei alten Münzen, Medaillen oder Briefmarken so schnell keiner was vormacht, derzeit ist Roman Karg primär eines: Altgold-Händler. «Wir erleben einen regelrechten Altgold-Boom», sagt er, Bezug nehmend auf den erwähnten rekordhohen Goldpreis. Die Folge davon sei, dass seit Tagen massenhaft neue Kundinnen und Kunden seinen Laden aufsuchten; sie alle wollten alten Schmuck, Zahngold oder Goldvreneli zu Geld machen; dass Letzteres derzeit 246 Franken wert ist, sei nur am Rande erwähnt.

Und nicht nur im Laden läuft Kargs Geschäft, auch sein Natel klingelt während unseres rund einstündigen Besuchs im Fünfminutentakt.

«Das magischste aller Metalle»

Karg sagt von sich selber, er bezahle die Kundschaft fair und «im oberen Preissegment». Das sei deshalb möglich, weil es bei ihm keinen Zwischenhandel gebe. «Ich bringe das angekaufte Altgold selber in eine der fünf grossen Schmelzereien in der Schweiz», erklärt er.

Dort wird das Altgold gemäss Auskunft des Fachmanns eingeschmolzen und via die Londoner Goldbörse weiterverkauft, derzeit vor allem nach Indien, China und Saudi-Arabien, wo eine grosse Nachfrage nach Gold bestehe.

Überhaupt: Gold. «Es ist das magischste aller Metalle», sagt Roman Karg. Die Farbe des Goldes fasziniere ihn ebenso wie die Tatsache, dass es ungiftig sei und man daraus sehr viele Dinge herstellen könne. Und erst die Geschichte: Kriege sind wegen des Goldes geführt worden, Menschen mussten dafür sterben.

Trotz aller Freude am Gold verhehlt Karg nicht, dass er auch grosse Freude und Befriedigung verspürt beim Betrachten alter Münzen, Medaillen oder Silbersachen, selbst wenn sie aus weniger teurem Metall gefertigt sind. «Die aufwendige Handarbeit, in der beispielsweise viele Münzen vor über 100 Jahren gefertigt wurden, fasziniert mich immer wieder.» Überdies hätten Münzen, Geldscheine, aber auch Briefmarken stets viel mit der Geschichte der Ursprungsländer zu tun und mit der Zeit, in der sie geprägt oder gedruckt wurden.

Das Natel klingelt. Jemand erkundigt sich nach dem Devisenkurs des Rand, der südafrikanischen Währung. Goldminen in Südafrika, die bevorstehende Fussball-WM ebenda – die Geschichte geht weiter.

Infos: www.karg-numismatik.ch, Tel. 079 420 13 64

Bild: Benno Gämperle

Bild: Benno Gämperle